Auch Geschwisterkinder sehen – Wenn ein Kind in der Familie psychische Probleme hat

02.07.2025 von Michaela Strobel

Bekommt ein Kind in der Familie die Diagnose einer psychischen Erkrankung, ist das für alle Beteiligten ein Schock. In dieser schwierigen Situation ist es vollkommen verständlich, dass du dich als Elternteil in deiner Zuwendung und Fürsorge nun verstärkt auf das Kind, das akute Unterstützung benötigt, konzentrierst.

Während deine Aufmerksamkeit auf das Kind mit psychischen Problemen gerichtet ist, nehmen die Geschwisterkinder oft jedoch mehr wahr, als dir vielleicht bewusst ist. Sie beobachten die Veränderungen, spüren die Anspannung, ohne sie vielleicht einordnen und verstehen zu können. So werden sie selbst Teil dieser herausfordernden Familiensituation.1

"Als Schattenkinder werden häufig die Geschwister von chronisch erkrankten Kindern bezeichnet, weil die Eltern häufig vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit auf sie richten können und weil die Geschwister darüber hinaus möglicherweise in die Betreuung des erkrankten Kindes eingebunden sind (und dies als belastend empfinden)."2

 

Wie Kinder psychische Erkrankungen bei ihren Geschwistern erleben

Geschwister haben oft feine Antennen für Veränderungen in der Familie. Sie spüren, wenn ihr Bruder oder ihre Schwester sich zurückzieht, häufiger gereizt ist oder plötzlich andere Verhaltensweisen zeigt als sonst. Und sie spüren die Anspannung oder Sorge bei den Eltern. Während jüngere Kinder diese Veränderungen eher diffus und auf emotionaler Ebene erleben, können ältere Geschwister die Situation schon differenzierter einordnen, auch wenn sie nicht immer darüber sprechen.

 

Belastungen für die Geschwisterkinder

Die Auswirkungen auf Geschwisterkinder können vielfältig sein. Manche entwickeln ein übergroßes Verantwortungsgefühl oder fühlen sich verpflichtet, die Familie aufzuheitern. Andere stellen sich und ihre Bedürfnisse zurück, um nicht zusätzlich zur Belastung zu werden, oder übernehmen oft sehr früh Verantwortung, die eigentlich bei den Erwachsenen liegen sollte.

Manche suchen die Schuld bei sich. Auch sie leiden unter der Erkrankung des Geschwisters und das wird zu oft übersehen. Zum einen, weil der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt und zum anderen, weil sie sich unauffällig verhalten und so leicht übersehen werden. Je nach Stellung in der Geschwisterfolge, können sie verunsichert sein, weil der große Bruder beispielsweise vom „Beschützer“ zu demjenigen wird, der beschützt werden muss.

Das kann sich mitunter so auf ihre Gefühlswelt auswirken:

  • Sie machen sich Sorgen um ihren Bruder oder ihre Schwester.
  • Sie fühlen sich manchmal vernachlässigt, weil das andere Kind mehr Aufmerksamkeit benötigt.
  • Sie sind unsicher, wie sie sich in ihrer neuen Rolle verhalten sollen.
  • Sie trauen sich nicht über ihre eigenen Ängste zu sprechen, weil sie niemanden zusätzlich belasten möchten.
  • Manchmal ist ihnen das auffällige Verhalten ihres kranken Bruders oder ihrer kranken Schwester vielleicht unangenehm.

Damit wächst auch bei ihnen das Risiko für psychische Belastungen. Deshalb ist es wichtig, dass du als Elternteil auch ihre Bedürfnisse beachtest. Dass das innerhalb der Dynamik einer Familie und in dieser speziellen Situation oft alles andere als leicht ist, ist vollkommen klar.

Was kannst du tun, um das Geschwisterkind zu unterstützen?

 

Kommunikation als Schlüssel

Eine offene und altersgerechte Kommunikation ist von großer Bedeutung. Es ist nicht notwendig, Kindern alle Details zu erklären, aber sie benötigen ein grundlegendes Verständnis dafür, was mit ihrem Geschwister los ist. So schaffst du Orientierung und emotionale Entlastung.

Es ist wichtig, dass du Gespräche anbietest, ohne dabei Druck auszuüben. Häufig stellen Kinder ihre Fragen in alltäglichen Momenten, wenn du vielleicht am wenigsten damit rechnest. Es ist gut, wenn du dann vorbereitet bist und dir – wo möglich – altersgerechte Antworten überlegt hast.

 

Geschwisterkinder stärken – konkrete Maßnahmen

Auch Geschwisterkinder brauchen das Gefühl, gesehen zu werden. Oft gestehen sie sich und anderen dieses Bedürfnis jedoch nicht ein. Sie glauben, dass das kranke Geschwisterkind die Zeit und Aufmerksamkeit von dir dringender braucht und „fordern“ sie deshalb nicht ein.

Neben den Sorgen und der Verantwortung, die du für das kranke Geschwisterkind hast, solltest du versuchen

  • wenn möglich, Zeit mit jedem Kind (einzeln) einzuplanen,
  • immer wieder nach den Gefühlen der Geschwisterkinder zu fragen und diese ernst zu nehmen,
  • klare Strukturen und Rituale zu schaffen, die Sicherheit und Beständigkeit vermitteln,
  • Freunde und Familie um Unterstützung zu bitten und z. B. fragen, ob sie das gesunde Kind zu einem Ausflug mitnehmen,
  • bei Bedarf Unterstützung außerhalb der Familie zu suchen: Erziehungsberatungsstellen oder auch das Jugendamt können ein guter Ansprechpartner sein,
  • den Geschwistern den Besuch von Geschwistergruppen, z. B. von www.geschwisternetzwerk.de oder beim Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK www.bapk.de) zu ermöglichen, da sie sich dort austauschen können und merken, dass sie mit der Situation nicht alleine sind,
  • darum zu bitten, dass bei therapeutischer Unterstützung auch die Geschwisterkinder berücksichtigt werden.

 

Deine Rolle als Elternteil – Balance halten und Selbstfürsorge leben

Als Elternteil bist du in dieser Situation stark gefordert, vieles auszuhalten und gleichzeitig zu geben. Dabei solltest du dich selbst nicht vergessen, Selbstfürsorge ist die Voraussetzung, jedem Kind gerecht werden zu können. Nur, wenn du auch regelmäßig nach dir selbst schaust, bist du der Aufgabe gewachsen, die du zu meistern hast. Manchen Eltern hilft in Zeiten, wo für nichts Zeit ist und dann auch noch der Rat kommt, sich für sich selbst Zeit zu nehmen, der Gedanke, dass sie durch ihr eigenes Verhalten auch ein Vorbild für ihre Kinder sind.

 

Fazit

Als Elternteil eines Kindes mit psychischen Problemen stehst du vor besonderen Herausforderungen. Deine Kinder, auch die, die nur unmittelbar betroffen sind, spüren sehr genau, was in der Familie passiert, auch wenn sie es nicht immer verbalisieren können. Wenn du ihre Gefühle ernst nimmst und ihnen altersgerechte Informationen gibst, können auch sie lernen, mit der Situation umzugehen, und im besten Fall an dieser Situation wachsen. Sie entwickeln Empathie, Resilienz und ein Verständnis dafür, dass jeder manchmal im Leben besondere Unterstützung braucht.

Diesen Weg musst du nicht alleine gehen. Scheue dich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen innerhalb der Familie, im Freundeskreis oder von professioneller Seite – für dich, für dein psychisch erkranktes Kind und für die Geschwisterkinder. Es braucht dafür dein ganzes Dorf.

 

Literaturverzeichnis

1 Sonnemoser, Marion: Geschwister psychisch kranker Kinder: „Wichtig ist ein stabiles Zuhause“. Deutsches Ärzteblatt.
URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/geschwister-psychisch-kranker-kinder-wichtig-ist-ein-stabiles-zuhause-ad42374b-9a86-4656-863a-9ba40146a8bc
[Zuletzt abgerufen am: 16.04.2025].

2 Lothaus, Arnold: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. 1. Auflage, Berlin: Springer.