„BABO – Die Haftbefehl-Story“ und warum Eltern und Lehrkräfte sie kennen sollten
Unbekannte Pfade: Eine Lehrerin streamt den „Babo“
Obwohl ich vom deutschsprachigen Gangster-Rap so weit weg bin wie die Kuh vom Mars, kam ich doch nicht umhin, die medial gehypte und von meinen Schüler*innen breit diskutierte Netflix-Doku über den Offenbacher Rapper Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, anzuschauen.
Was ich erwartete, nachdem ich nur en passant die Überschriften in diversen Medien überflogen hatte: Eine Doku, die einen Rapper und schlimmstenfalls den von mir mit Gangster-Rap assoziierten Habitus abfeiert.
Was ich in 90 Minuten tatsächlich sah: Einen Mann, der (wirkungsvoll gerahmt zu Beginn und am Ende des Films) vom jahrzehntelangen Kokainkonsum schwer gezeichnet ist: Die Nase deformiert, der Körper aufgeschwemmt, der Blick leer.
Ob ich ihn, sein Leben und seine Familie in dieser Doku wirklich kennenlerne, wage ich zu bezweifeln. Ob ich ihm musikalisch näherkomme, ebenfalls. Darum geht es auch gar nicht, deshalb kann und will ich mich auch nicht an den breit geführten Debatten über die Doku beteiligen. Ich kann – für mich unerwartet, aber wertvoll – etwas ganz Anderes mitnehmen.
Und das ist der Grund, warum ich diesen Text schreibe: Ich finde, dass Lehrkräfte und Eltern diese Doku schauen sollten, da sehr viele Jugendliche sie kennen – und darin Themen wie Sucht, Depression und Suizid sowie Psychotherapie und Psychiatrie angerissen werden. Auch Geschwisterliebe als möglicher Ausweg aus dem Abwärtsstrudel wird thematisiert, denn der Zusammenhalt der drei Brüder ist unübersehbar.
Worum geht es in der Doku?
Haftbefehl ist, so wird er auf einem seiner Konzerte angekündigt, mit seinen 39 Jahren bereits eine „lebende Legende“ des Rap. Und nicht nur das: Er ist ein Mahnmal, das unsere gesamte Gesellschaft angehen sollte.
Denn in bemerkenswerter Offenheit schildern die drei Brüder Anhan – Aykut ist der mittlere –, wie sie im armutsgeprägten Offenbacher Mainpark aufwuchsen: Der Vater war ein Spieler, autoritär, unberechenbar und im Familienleben weitestgehend abwesend. Über die Mutter wird kein Wort verloren; sie wollte nicht Teil der Doku sein.1 So bleiben nur Mutmaßungen darüber, was sie leisten musste.
Aykut war als Junge ein talentierter Fußballspieler, der acht Jahre lang bei den Offenbacher Kickers im Tor stand. Das hielt ihn leider nicht davon ab, mit 13 Jahren auf der Straße das Kiffen, Koksen und Dealen zu entdecken. Ebenfalls zu dieser Zeit nahm sich sein Vater, der unter Depressionen litt, das Leben – nachdem es Aykut einmal gelungen war, einen Suizid zu verhindern. Er fühlt sich ab jetzt verantwortlich für seinen jüngeren Bruder Cem, der ihm wiederum Jahre später das Leben rettet. Von verschiedenen Personen aus dem Nahkreis wird in der Doku geschildert, dass Aykut den Suizid seines Vaters nie verarbeitet habe.
Bereits die Eltern des Rappers bringen eine Hypothek mit, die vermutlich nie verarbeitet werden konnte: Zwei Großonkel sowie ein Onkel haben Suizid begangen. Dabei wissen wir heute, dass Kinder und Jugendliche, in deren Familie suizidales Verhalten vorkommt, selbst ein 2- bis 6-fach erhöhtes Risiko für einen Suizidversuch haben2.
Auch Aykut hat inzwischen Familie. Seine zwei Kinder werden in der Doku unverpixelt gezeigt. Ehefrau Nina spricht offen über ihre Verzweiflung im Zusammenhang mit dem Zustand ihres Mannes. Das Familienleben ist seitens Aykut von Konsum und wie schon bei seinem Vater von Abwesenheit dominiert.
Aykut und Cem sprechen über ihre eigenen Depressionen; Aykut thematisiert positiv, wenngleich eher nebenbei, seine eigenen Therapiesitzungen. Dennoch werden immer wieder quälende und schockierende Sequenzen gezeigt, in denen das negative Selbstbild und die empfundene Ausweglosigkeit zum Vorschein kommen. In einer Sequenz deutet der Musiker auf ein Familienfoto, liebkost seine darauf abgebildeten Kinder und bezeichnet sich selbst als „Dreck“.
Während der Zeit der Dreharbeiten kommt es zum Streit mit dem jüngeren Bruder Cem. Aykut nimmt danach eine Überdosis Kokain, in der Absicht, sich so das Leben zu nehmen. Er wird entdeckt und wacht im Krankenhaus wieder auf. Cem sorgt dann dafür, dass sein Bruder in der Türkei auf der geschlossenen Station einer Klinik behandelt wird, wo er offenbar (zumindest temporär) clean wird. Schon zuvor sorgte ein Universal-Mitarbeiter nach einem Zusammenbruch dafür, dass Aykut in eine Psychiatrie kommt. Dort entließ er sich jedoch schnellstmöglich selbst.
Warum sollten Eltern und Lehrkräfte die Haftbefehl-Doku schauen?
„Babo – Die Haftbefehl‑Story“ ist ein riesiger Streaming-Erfolg. Bereits in den ersten Tagen wurde die Doku millionenfach angesehen. Zu großen Teilen von einem jungen Publikum. Genauso wie auch viele junge Menschen die Musik von „Hafti“ hören und sich damit identifizieren.
Anfang November forderte der Stadtschüler*innenrat in Offenbach, dass Haftbefehl im Unterricht behandelt wird – als Alternative zu klassischen Autoren wie Goethe. Die Begründung: Seine Texte spiegelten die Lebensrealität vieler Jugendlicher authentischer wider und eigneten sich für Deutsch, Musik oder Politik. Das hessische Kultusministerium hat diese Forderung abgelehnt. Die Texte und das öffentliche Auftreten des Rappers seien nicht mit dem Bildungsauftrag vereinbar.3
Auch wenn ich diese Entscheidung nachvollziehen kann, halte ich es für wichtig, das Anliegen der Jugendlichen ernst zu nehmen. Nicht, indem man Haftbefehls Texte oder gar die Doku ungefiltert in den Unterricht holt, sondern indem man Inhalte der Texte und der Doku zuhause wie auch in der Schule aufgreift und als Anlass für sich situativ ergebende Gespräche nutzt. Denn es werden viele Themen berührt, die junge Menschen beschäftigen und betreffen: Armut, familiäre Traumata, Drogenkonsum und -abhängigkeit, psychische Erkrankungen, Suizid, Psychotherapie und Psychiatrie.
Auch Dr. Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, hat die Netflix-Doku gesehen und hebt hervor, dass es eben nicht nur um den Konsum geht, sondern „wie Drogen am Ende den Menschen konsumieren“.4
Es gibt teilweise aber auch Zweifel an der abschreckenden Wirkung der Doku: Im Gangster-Rap wird der Konsum von Rauschmitteln und ein bestimmter Lebensstil überwiegend als cool und selbstverständlich dargestellt. Im Film wird Aykut teilweise als „Naturgewalt“ inszeniert und betitelt. Hier wird Verhalten heroisiert, das sicher in vielen Teilen durch seine Abhängigkeit geprägt ist und so falsch kontextualisiert wird. Es wäre wertvoll gewesen, zusätzlich eine fachliche Einordnung aus Psychologie oder Psychiatrie zu erhalten. Auch das kann im Gespräch mit Schüler*innen thematisiert werden.
Besonders bezüglich psychischer Erkrankungen und Suizid ist es wichtig, mit jungen Menschen zu besprechen, dass man sich Hilfe frühzeitig holen darf und soll, dass es viele Auswege gibt und Suizid eben keine Lösung ist. Ohne solche Hinweise besteht andernfalls die Gefahr, dass das in der Doku thematisierte suizidale Verhalten von Haftbefehl im Sinne des Werther-Effekts zu Nachahmungen führt. Insbesondere, weil er für viele junge Menschen eine Identifikationsfigur ist.
Der Regisseur fragt Aykut Anhan gegen Ende des Films, warum er keine Szenen aus dem Film rauslassen wollte. Der Rapper antwortet, dass es ihm wichtig sei, die Realität zu zeigen (und kein weiteres Hiphop-Video).
Ich bin als Lehrerin dankbar, dass seine Geschichte so ungeschönt gezeigt wird. Denn klar wird, dass Drogen kein Entertainment sind, psychischen Erkrankungen mit Therapien begegnet werden kann, eine mögliche Heilung oft kein linearer Weg ist und dass auch berühmte „lebende Legenden“ Menschen aus Fleisch und Blut sind, die Menschen brauchen, die sie stützen.
Wieder einmal wird deutlich, wie entscheidend es ist, dass jemand da ist, der hinsieht, hinhört und handelt. Auch wenn wir als Lehrkräfte oder Eltern nicht alles lösen können, können wir doch etwas sehr Entscheidendes tun: Wir können jungen Menschen signalisieren, dass sie mit uns über ihre Sorgen, Ängste und Leiden sprechen können. Dass wir da sind, wenn es ihnen schlecht geht und dass es Hilfe gibt.
Literaturverzeichnis
1 Stern (2025): Haftbefehl-Doku auf Netflix: Warum die Mutter nicht zu sehen ist.
URL: https://www.stern.de/gesellschaft/haftbefehl-doku-auf-netflix--warum-die-mutter-nicht-zu-sehen-ist-36300924.html
[Zuletzt abgerufen am: 17.11.2025].
2 Neurologen und Psychiater im Netz (o. J.): Mögliche Ursachen für Suizidabsichten & Suizidversuch bei Kindern und Jugendlichen.
URL: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/warnzeichen/suizidabsichten-suizidversuch/moegliche-ursachen/
[Zuletzt abgerufen am: 17.11.2025].
3 Tagesschau (2025): Offenbacher Schüler*innen wollen Haftbefehl im Unterricht.
URL: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-offenbacher-schueler-wollen-haftbefehl-im-unterricht-100.html
[Zuletzt abgerufen am: 17.11.2025].
4 Welt (2025): Drogenbeauftragter Streeck nennt Haftbefehl‑Doku „berührend“.
URL: https://www.welt.de/regionales/nrw/article6909e892180d8e6000bc86d8/drogenbeauftragter-streeck-nennt-haftbefehl-doku-beruehrend.html
[Zuletzt abgerufen am: 17.11.2025].