„Bin ich gut genug?” – Wenn Schüler*innen an sich zweifeln
Ein gesundes Selbstvertrauen und ein sicheres Selbstwertgefühl sind nicht nur wichtig für das Wohlbefinden und die Gesundheit, sondern wirken sich auf fast alle Lebensbereiche aus. Sie haben großen Einfluss darauf, welche Entscheidungen (junge) Menschen treffen und wie sie ihr Leben gestalten.
Geringes Selbstvertrauen zeigt sich im schulischen Alltag
Manchmal sitzen sie in der letzten Reihe, sagen nichts und schauen weg, wenn sie angesprochen werden. Oder sie lachen mit, obwohl sie sich nicht wohlfühlen, nur um dazuzugehören. Aus Angst sich zu blamieren, beteiligen sie sich nicht, obwohl sie leistungsstark sind. Und manchmal sagen sie Dinge wie: „Ich glaube, ich bin einfach zu dumm dafür.“
In meiner Arbeit als Schulsozialarbeiterin begegne ich regelmäßig Schüler*innen mit geringem Selbstbewusstsein. Das sind Kinder und Jugendliche, die sich selbst kleinmachen, bevor es jemand anderes tun kann. Sie passen sich an, um nicht aufzufallen. Sie sehen ihr Potenzial selbst nicht und zeigen es deshalb auch niemandem.
Was hinter Selbstzweifeln steckt
Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind nichts Angeborenes. Sie entwickeln sich in sozialen Beziehungen und durch Erfahrungen, die wir in unserem persönlichen Umfeld machen.
Erste Anzeichen im Schulalltag
Geringes Selbstbewusstsein begegnet mir nicht nur im Beratungsgespräch. Es zeigt sich auf dem Pausenhof, im Klassenraum und auf dem Flur, oft in Sätzen wie:
- „Ich kann das eh nicht.“
- „Ist doch egal.“
- „Die anderen sind halt besser.“
Insbesondere bei Mädchen werden Selbstzweifel häufig durch gute Noten, angepasstes Verhalten oder übermäßige Rücksichtnahme überdeckt.1 Das fällt auf den ersten Blick nicht auf. Genau deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen.
Ursachen für Selbstzweifel
Oft wirken verschiedene Faktoren zusammen, die das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen negativ prägen können. Mögliche Gründe sind:
- familiäre Konflikte oder instabile Bindungen2
- schulischer Leistungsdruck und Versagensängste3
- Vergleiche in sozialen Medien4
- gesellschaftliche Erwartungen, insbesondere an Mädchen (z. B. „zurückhaltend sein“, „nicht zu viel Raum einnehmen“)5
Viele junge Menschen lernen oft früh, was sie nicht gut können, aber selten, worauf sie stolz sein dürfen.
Wenn Selbstzweifel krank machen
Ein dauerhaft niedriges Selbstwertgefühl bleibt nicht ohne Folgen. Es kann dazu führen, dass Schüler*innen herausfordernde Situationen meiden, sich selbst unterschätzen oder sich aus sozialen Kontakten zurückziehen.6
Besonders kritisch wird es, wenn Selbstzweifel chronisch werden und die Persönlichkeitsentwicklung hemmen oder negativ beeinflussen. Studien zeigen, dass ein geringes Selbstbewusstsein ein Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst- oder Essstörungen ist.6 Der Zusammenhang zwischen innerem Erleben und psychischer Gesundheit ist oft enger als angenommen.
Wie Schulsozialarbeit stärken kann
Das Büro der Schulsozialarbeit ist ein geschützter Rückzugsort für Schüler*innen mit geringem Selbstwertgefühl, an dem sie keinen Leistungsdruck verspüren. Hier können sie in Ruhe über ihre Sorgen sprechen oder einfach eine Auszeit vom Stress in der Schule, der Familie oder dem Freundeskreis nehmen.
Neben gezielten Beratungsgesprächen wird das Büro täglich genutzt, um kurz „durchzuatmen“ und in den Pausen von Erlebnissen zu erzählen, beispielsweise wenn es unter Freund*innen Streit gab, jemand „einen blöden Spruch abgedrückt” hat oder andere Unsicherheiten da sind.
Auch gemeinsame Aktivitäten wie Tischtennis oder Billard fördern das Vertrauen und die Beziehungsarbeit. Eine vertrauensvolle Beziehung ist für die gemeinsame Arbeit unerlässlich. Wenn Beratungsgespräche benötigt werden, können diese niedrigschwellig und spontan vereinbart werden, sodass die Schüler*innen schnell jemanden zum Zuhören finden, bevor sich Selbstzweifel verfestigen. Oft sind es kurze Gespräche, in denen angedeutet wird: „Mir geht’s gerade nicht gut“ oder „Können wir später reden?“.
Dabei können neben dem Thema Selbstwertgefühl auch Mobbing, psychische Gesundheit, familiäre Belastungen, Schulstress und Zukunftsängste angesprochen werden. Auch Eltern können sich jederzeit mit Fragen zur Erziehung und zur Stärkung der Persönlichkeit ihrer Kinder an die Schulsozialarbeit wenden.
Workshops zu wichtigen Alltagsthemen wie dem Umgang mit sozialen Medien, Cybermobbing- Prävention, das Setzen von Grenzen und die Stärkung des Selbstwerts helfen Schüler*innen dabei, Handlungskompetenzen zu entwickeln und eigene Grenzen klar zu kommunizieren.
Dies stärkt ihr Selbstvertrauen nachhaltig. Durch die enge Kooperation mit den Lehrkräften können Warnsignale wie Rückzug, Leistungsabfall oder Stimmungsschwankungen gemeinsam erkannt und die Schüler*innen individuell unterstützt werden, damit sie ihren Schulalltag gestärkt meistern können.
Haltung im Beratungsgespräch
Im Gespräch mit Schüler*innen ist es wichtig:
- zuzuhören, ohne zu bewerten
- Perspektiven zu öffnen, z. B.: „Was hätte dir heute helfen können?“
- Ressourcen sichtbar zu machen: „Gibt es etwas, worauf du stolz bist?“
Es geht nicht darum, schnelle Lösungen zu liefern, sondern eine Beziehung auf Augenhöhe anzubieten.
Methoden aus der Praxis
Um das Selbstvertrauen von Schüler*innen zu stärken, arbeite ich mit verschiedenen Methoden, darunter dem Stärkenspiegel, der Reflexion der eigenen Lebensgeschichte sowie der bewussten Wahrnehmung von Körperhaltung und Sprache.7
In Gruppenangeboten setze ich außerdem Rollenspiele und kreative Übungen ein, die Selbstwirksamkeit erlebbar machen. Ein Beispiel dafür ist die Methode „Warme Dusche“, bei der sich die Teilnehmenden gegenseitig Komplimente geben. Diese Übung fördert das Gemeinschaftsgefühl in der Klasse und stärkt das Selbstwertgefühl jedes Einzelnen.
Tipp für Eltern, Lehrkräfte und Bezugspersonen:
Der Stärkenspiegel/Stärkenrucksack lässt sich leicht auch zu Hause oder im Unterricht einsetzen. Dabei notieren Kinder oder Jugendliche (allein oder mit Begleitung), worauf sie stolz sind, z. B.:
- „Ich habe mich getraut, etwas zu sagen.“
- „Ich bin hilfsbereit.“
- „Ich kann gut zuhören.“
Auch kleine Erfolge verdienen Sichtbarkeit, denn sie stärken das positive Selbstbild.
Was Schule braucht, um Selbstvertrauen zu fördern
Schule sollte ein Ort sein, an dem junge Menschen nicht nur funktionieren, sondern sich entwickeln dürfen. Dazu braucht es:
- Lehrkräfte, die auch Beziehungsarbeit fokussieren8
- Raum für Fehler, Mut und Vielfalt9
- ein Klima, in dem Schüler*innen gehört und gesehen werden8
- eine Haltung, die sagt: „Du bist nicht erst wertvoll, wenn du leistest. Du bist es schon, so, wie du bist.“
Ein kleiner Satz, der viel verändern kann
Ich merke immer wieder: Oft ist es ein einziger Satz, der etwas in Bewegung bringt. Ein ehrlich gemeintes:
- „Ich sehe dich.“
- „Ich glaube an dich.“
- „Du bist gut, so wie du bist.“
- „Du darfst deine eigenen Erfahrungen in deinem Tempo machen.“
Denn Selbstbewusstsein wächst nicht durch Druck, sondern durch Beziehung.10 Und manchmal reicht ein Mensch, der keinen Zweifel nährt, sondern Mut macht.
Weitere Methoden und Angebote
Hier findest du praktische Methoden und Angebote, die in der pädagogischen Arbeit oder zu Hause anwendbar sind:
Arbeitsbuch: "Mein Stärkenrucksack" (nach Carola Hanusch und Susanne Paulus)
Ein liebevoll gestaltetes Workbook mit vielfältigen Übungen zur Stärkung von Selbstwert und Identität für Zuhause.
Für: Jugendliche ab 10 Jahren
Ziel: Eigene Stärken erkennen, Selbstvertrauen fördern
„Ich schaff’s“-Programm (nach Ben Furman)
Ein lösungsorientiertes Trainingsprogramm, das Jugendlichen hilft, in kleinen Schritten persönliche Ziele zu erreichen und Probleme aktiv anzugehen. Es gibt unterschiedliche Bücher für Eltern, Erzieher*innen oder den schulischen Alltag.
Für: Kinder & Jugendliche, die von ihren Eltern oder Fachkräften begleitet werden (je nach Buch unterschiedlich).
Ziel: Selbstwirksamkeit, Motivation, positives Selbstbild
Literaturverzeichnis
1 Graff, U. (2013). Mädchen heute. In: Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, S. 74.
2 Smith, J., Müller, K., & Tanaka, H. (2020). Family environment and self-esteem development: A longitudinal study. Journal of Adolescence, 83, 22–30.
3 Schwarzer, R. (1983). Stress, Angst und Handlungsregulation. Stuttgart: Kohlhammer, S. 152.
4 Artigues-Barberà, E. et al. (2025). Schlüsselfaktoren für die Unterstützung von Jugendlichen beim Erreichen eines hohen Selbstwertgefühls und eines positiven Körperbildes: Eine qualitative, gemeindebasierte Studie. PLOS ONE, 20(2), e0318989.
5 Graff, U. (2013). Geschlechtsbezogene Pädagogik in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, S. 233.
6 Petermann, F., & Petermann, U. (2011). Gleichaltrigenprobleme im Jugendalter: SELBST – Therapieprogramm für sozial unsichere und ängstliche Jugendliche. Göttingen: Hogrefe.
7 Eigene Darstellung auf Basis praktischer Erfahrungen in der Schulsozialarbeit.
8 Schut, S., Driessen, E., van Tartwijk, J., van der Vleuten, C., & Heeneman, S. (2021). Understanding the influence of teacher–learner relationships on learners’ assessment perception. Advances in Health Sciences Education, 26, 1293–1310.
9 Pösse, L., Obermeier, R., Nowak, M., & Gläser-Zikuda, M. (2024). Fehler machen erwünscht! Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Fehlerkultur, Resilienz und Lern- und Leistungsemotionen von Schüler:innen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 27, 1–29.
10 Harris, M. A., & Orth, U. (2020). The link between self-esteem and social relationships: A meta-analysis of longitudinal studies. Journal of Personality and Social Psychology, 119(6), 1459–1477.