Die psychischen Probleme unseres Sohnes – Warum ein offenes Gespräch mit seiner Lehrerin entscheidend war
Es war ein schöner Sommertag. Unser Sohn war einige Tage im Schullandheim, und an diesem Nachmittag waren Eltern und Geschwister zu einem gemeinsamen Grillfest eingeladen. Anfangs war die Stimmung noch verhalten – schließlich bedeutete die fünfte Klasse einen Neubeginn für die Kinder und auch für uns Eltern. Doch nach den ersten Würstchen und dem Ansturm auf das Spendenbuffet lockerte sich die Stimmung.
Später an diesem Tag haben wir verstanden, dass unser Sohn unter psychischen Problemen litt. Ein Tag, den wir nicht vergessen werden – und der unser Leben verändert hat.
Der Moment der Erkenntnis
Zwischen ketchupverschmierten Tellern und einem Haufen verschmutzter Schuhe suchte die Mathe-Lehrerin unseres Sohnes ein Tür-und-Angel-Gespräch an der Schwelle zur Küche mit uns. Zunächst sehr beiläufig und allgemein, nahtlos anknüpfend an die Gespräche am kalten Buffet. Doch dann kam sie auf unseren Sohn zu sprechen. Sie wurde deutlich und berichtete, wie unkonzentriert und abwesend unser Sohn im Unterricht erscheint.
„Er hat ja noch nicht mal Zettel und Stift dabei!“ Das war der Satz, der uns als Eltern die Augen öffnete und nachdenklich stimmte. Schließlich haben wir jeden Abend zusammen den Ranzen gepackt. Sicherlich bin ich im Packen nicht perfekt; allzu oft musste ich im Urlaub Zahnbürsten für mich kaufen. Doch auch wenn hin und wieder ein Heft oder Buch fehlte, konnte ich sicher sein, dass Block und Stifte immer im Ranzen waren.
Er war offenbar nicht in der Lage, irgendetwas davon auszupacken oder irgendwie zu reagieren, so gedankenverloren und „abwesend“ wie er war. Wir wussten, dass sich unser Sohn bei Hausaufgaben nur schwer konzentrieren und motivieren kann. Aber so massiv hatten wir es bisher nicht wahrgenommen und auch nicht erwartet.
Ob seine Lehrerin in seinem Verhalten überhaupt ein ernsthaftes Problem sah, gar eine psychische Erkrankung vermutete oder einfach nur glaubte, unser Sohn sei mit der Schule total überfordert und faul, ist für uns rückblickend gar nicht so wichtig. Wir sind ihr einfach sehr dankbar dafür, dass sie uns zwischen schmutzigem Geschirr und Turnschuhmief die Augen geöffnet hat.
Psychische Erkrankungen bei Kindern – Frühes und gemeinsames Handeln ist entscheidend
Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen nehmen, wie man weiß, seit Jahren zu. Doch wenn es um das eigene Kind geht, denkt man oft: „Doch nicht bei uns.“
Sich das Problem einzugestehen, ist nicht einfach. Die Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung oder der Reaktion des persönlichen Umfelds kann belastend sein. Doch die Augen davor zu verschließen, war und ist keine Option. Unser Sohn litt – und wir mussten handeln.
Wir nahmen professionelle Hilfe in Anspruch. Wie üblich mussten wir mehrere, schier unendlich dauernde Wochen auf einen Termin warten. Es folgten viele Gespräche, verschiedene Tests und schließlich eine Psychotherapie, um die diagnostizierte Anpassungsstörung unseres Sohnes zu behandeln.
Auch wir als Eltern haben Gespräche mit Psychotherapeuten geführt. Wir wollten verstehen, wie es ihm geht, was in ihm vorgeht und wie wir mit ihm umgehen sollen. So sind wir den Weg gemeinsam gegangen. Eine Wanderung durch unbekanntes Terrain. Manchmal steinig, steil und unglaublich anstrengend. Dann wieder kommen Phasen, die einfach erscheinen. Immer weiter nach vorne schauen.
Für uns als Familie war es keine einfache Zeit. Gemeinsam haben wir es geschafft. Eine Freundin gab mir den Rat: „Egal, welche Entscheidung ihr trefft, seid euch einig. Geht den Weg gemeinsam.“ Für uns ein guter Rat, der uns als Familie zusammengeschweißt hat. Und vor allem zeigt er eines: Freunde bleiben, „die Anderen“ gehen. Wir sind offen mit der Erkrankung unseres Sohnes umgegangen und haben viel Zuspruch und Verständnis erhalten. Auch das hat uns sehr geholfen: Weggefährten, die einen ein Stück auf dem schwierigen Weg begleiten und unterstützen.
Und irgendwann konnten wir gemeinsam die Aussicht genießen. Unser Sohn hat seine psychischen Probleme in den Griff bekommen. Er ist wieder ein glücklicher Junge. Neulich sagte er zu seiner Tante: „Vielleicht bist du ein bisschen depressiv. Ich war auch mal depressiv und habe dann viel zu viel gezockt.“ Das zeigt, dass er über seine Probleme sprechen und diese einordnen kann. Seit kurzem hat er mit normalen hormonellen, pubertären Schwankungen zu kämpfen.
Offene Gespräche mit Lehrkräften – Der Schlüssel zu Verständnis und Unterstützung
Nach der Diagnose suchten wir das Gespräch mit der Klassenlehrerin, stießen jedoch auf wenig Verständnis. Wir möchten ihr daraus keinen Vorwurf machen. Sie erkannte und verstand das Problem nicht als Erkrankung, sondern sah es als eine Herausforderung, die unser Sohn alleine bewältigen müsste.
Doch nicht nur unser Sohn, sondern auch unsere Tochter litt unter der familiären Situation. Wir suchten proaktiv das Gespräch mit ihrer Lehrerin – mit positivem Ausgang. Sie bot uns Familienhilfe durch den schulinternen Sozialpädagogischen Dienst an und versprach uns, ein Auge auf unsere Tochter zu haben.
Diese Erfahrung zeigt, wie unterschiedlich Lehrkräfte mit psychischen Erkrankungen umgehen. Manche erkennen sie nicht, andere bieten sofort Hilfe an.
Fazit – Warum offene Gespräche helfen
Psychische Probleme bei Kindern dürfen kein Tabu sein. Es ist wichtig, offen mit Lehrkräften, Fachpersonal und den Menschen im persönlichen Umfeld zu sprechen.
Unsere Tipps für betroffene Eltern
- Ignoriere keine Warnsignale – psychische Probleme äußern sich oft subtil.
- Suche frühzeitig professionelle Hilfe – auch wenn Wartezeiten herausfordernd sind.
- Sprich offen mit Lehrkräften – ihre Unterstützung kann entscheidend sein.
- Akzeptiere, dass sich nicht alle Schulen oder Lehrkräfte auskennen – manchmal ist ein Schulwechsel der beste Weg.
- Steht, wenn möglich, als Familie zusammen – gemeinsam ist der Weg leichter.