Leben als Geschwisterteil eines Kindes mit psychischen Beeinträchtigungen

09.07.2025 von Dörte B.

Ich bin die 43-jährige Schwester eines 42-jährigen, depressiven, immer mal wieder suizidalen Bruders mit Autismus-Spektrum-Störung, der zudem eine ausgeprägte soziale Phobie hat. Ich bin natürlich vieles mehr als das, aber die Beschreibung oben macht zu einem sehr großen Teil mein Leben aus – und um diesen Teil geht es in diesem Text.

 

Unsere Kindheit in einer liebevollen Familie

Aber fangen wir am Anfang an: Mein Bruder und ich wurden als absolute Wunschkinder in eine humanistisch geprägte, mittelständische Familie geboren. Wir hatten optimale Startvoraussetzungen; unser Haus war stets gefüllt mit Liebe, Gelächter, Bildung, Ritualen und freundlichen Gästen. Ich erinnerte mich an rauschende Feste mit mindestens ebenso vielen Kindern wie Erwachsenen; daran, wie mein Vater uns Skat beibrachte und wie wir ganze Abende verspielten; daran, wie meine Mutter uns stundenlang vorlas, vor knisterndem Kamin, in unseren Betten oder gemütlich auf der Couch.

 

Erste Anzeichen und die Diagnose

Schon bald nach seiner Geburt stellte sich heraus, dass mein Bruder anders war: Mit zwei Jahren entwickelte er frühkindliches Asthma mit Erstickungsanfällen. Ab da galt ihm die ganze Sorge unserer Eltern. Er musste morgens und abends lange inhalieren.

Dass er, sobald er lesen konnte, beim Inhalieren immer wieder ein Kinderlexikon durchlas, kam uns nicht komisch vor. Auch dass er seine Spielzeuge, wenn er fertig gespielt hatte, einfach kreisförmig vor sich drapierte und wartete, dass er entdeckt werden würde, oder dass er monatelang abends immer wieder das gleiche Gebet sprach („Lieber Gott, der Tag war schön, bin mit Christian Karussell gefahren“), versetzte meine Eltern noch nicht in Sorge.

Dass er Ticks entwickelte, wie vor jedem Essen unter das Besteck zu schauen, ob dort eine Biene ist (auch im Winter), sich permanent merkwürdig räusperte, um mögliche Bienen wieder auszuspucken, oder dass er mit dem Daumen unentwegt das Papier von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen entlangstrich, fiel ihnen zwar auf, wurde aber als Phase abgetan.

Er war immer zarter als andere Kinder in seinem Alter, interessierte sich früh für Schach, Mathematik und Physik und ging irgendwann auf das gleiche Gymnasium wie ich. Wir waren beide gute und unkomplizierte Schüler*innen. Ich sah ihn auf dem Schulhof, meist allein oder mit seinem einzigen Freund, seltener mit einem bestimmten Mädchen, das ihm gegenüber wohl Muttergefühle hatte.

In der siebten Klasse traf er auf einen Lehrer, der sehr autoritär war. Von diesem wurde er eines Tages nach vorne an die Tafel zitiert – und spazierte stattdessen raus aus der Schule, die er ab diesem Zeitpunkt nie wieder betrat. Seit diesem Tag, und ab jetzt kürze ich stark ab, folgte – nach einer verzweifelten Episode daheim, während der er wochenlang sein Bett nicht verließ – eine Odyssee durch Psychiatrien und Jugendhilfeeinrichtungen. Am Ende hatten wir die Diagnosen, mit denen ich diesen Text einleitete.

 

„Ich tat, was ich konnte – und ging zur Schule.“

Wenn mein Bruder wieder einmal verschwunden war und gesucht wurde, nicht wissend, ob er noch lebt – ging ich zur Schule. Wenn mein Bruder aus einer Wohngruppe geschmissen wurde, weil er dort verbotenerweise ein Teelicht angezündet hatte – ging ich zur Schule. Wenn wir ihn noch am Vorabend mit Gewalt ins Auto gezerrt hatten, damit er Sonntag abends nach einem Familienwochenende zurück in die Psychiatrie ging, nicht wissend, ob er am nächsten Tag noch lebt – ging ich am nächsten Tag zur Schule.

Meine Lehrkräfte hatten damals kein Verständnis für meine Situation; sie blendeten sie weitgehend aus. Unser gemeinsamer Mathelehrer sagte mir, als er mir zum ersten Mal eine Klausur mit 10 Punkten zurückgab: „Na, dein Bruder war aber besser als du…“. Die Sportlehrerin joggte, während wir im Stadion Runden laufen mussten, locker neben mir her und fragte: „Und, was macht dein Bruder jetzt so?“ – Dieser Kommentar haute mich an diesem Tag sprichwörtlich aus den Latschen und ich erlitt einen Schwächeanfall. Sonst wurde mein Bruder in der Schule einfach totgeschwiegen.

Rückblickend denke ich, viele waren mit der Situation, mit mir, überfordert. Auch mit meinen Freund*innen sprach ich nicht über die Situation zu Hause. Ich hatte sie für mich abgespalten. Ich tat, was ich konnte – und ging zur Schule.

Und danach an die Uni. An die, die am weitesten entfernt war von meinem Elternhaus. Sogar in ein anderes Land ging ich. Weg, weg, weg von diesem permanenten Alptraum, in dem wir uns fast nebenbei auch noch um drei alte Großeltern kümmerten, die in kurzen Abständen nacheinander verstarben. Meine Eltern und ich waren wie ferngesteuert. Wir haben viel geweint, zusammen und allein. Wir hatten Angst vor jedem Telefonklingeln, auch Jahre danach noch. Und doch: Wir funktionierten.

 

Dankbarkeit, Resilienz und der Blick nach vorn

Ich funktioniere bis heute. Aber heute bin ich dafür dankbar, funktionieren zu können und zu dürfen, denn offenbar haben meine Eltern mir ganz nebenbei etwas mitgegeben, was mich stark macht: Resilienz. Obwohl von meinen Eltern nicht viel an Zeit für mich übrigblieb, hatte ich doch immer das Gefühl: Ich darf das tun, was ich möchte. Mich gesellschaftlich engagieren. Mit Freunden feiern gehen. Seminare besuchen. Mein Studium und den Studienort selbst auswählen. Ein Semester länger studieren, um mich in anderen Disziplinen umzuschauen. Mich ihnen anvertrauen, wenn ich Hilfe brauche. Es gab zwar nie viel Zeit, aber immer Verständnis.

Mich haut heute nichts mehr so leicht um. Und die Erfahrungen während meiner Schulzeit haben mir noch etwas mitgegeben: Mitgefühl meinen Mitmenschen gegenüber und ein Gefühl dafür, was (mir) wirklich wichtig ist im Leben.

Mein Bruder lebt, seit irgendwann alle Jugendhilfemaßnahmen ausgelaufen waren, wieder bei meinen Eltern; er ist Frührentner. Mein Vater ist recht jung schwer erkrankt und wird liebevoll umsorgt von meiner Mutter, um die wiederum ich recht häufig in Sorge bin, wegen der ganzen Belastungen.

Manchmal bin ich traurig, dass ich mich mit meinem Bruder darüber und über so vieles andere nicht wirklich austauschen kann. Stattdessen kann ich ihn über jeden Konflikt in der Weltpolitik befragen und bekomme eine profundere Antwort als von ChatGPT. Außerdem kümmert er sich um den Garten unseres Elternhauses und hat den feinsten Humor, den ich kenne.

 

Für mehr Sichtbarkeit von Betroffenen und Angehörigen

Ich wiederum kümmere mich darum, dass psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft enttabuisiert werden. Damit nicht nur selbst von psychischen Erkrankungen Betroffene, sondern auch Geschwisterkinder (und deren Eltern) gesehen, gehört und bedacht werden.

Daher bin ich tomoni auch so dankbar, dass unter anderem gezielt Lehrkräfte aufgeklärt werden. Denn wenn sie für psychische Auffälligkeiten sensibilisiert sind, kann Schlimmeres verhindert werden. Und sie können anders mit Geschwisterkindern wie mir umgehen.

Wir Geschwister werden auch manchmal „Schattenkinder“ genannt. Ehrlich gesagt. fühle ich mich im Schatten sehr wohl. Aber es hilft, wenn man auch die Möglichkeit hat, aus dem Schatten herauszutreten.

Manchmal werde ich gefragt, wie es meinem Bruder geht. Ich antworte dann: „Seinen Umständen entsprechend geht es ihm gut, glaube ich.“ Suizidal scheint er momentan nicht zu sein, aber ich weiß, dass er immer eine Exit-Strategie im Hinterkopf hat. Büchners „Lenz“ endet mit dem Satz „– So lebte er hin.“ Und so ist es auch mit meinem Bruder. Es gibt kein Happy End in dieser Geschichte.

PS: Meine Mutter sagt manchmal, sie hätte sich immer bemüht, auch mit mir etwas zu unternehmen. Tatsächlich erinnere ich mich nur an eine einzige bewusste Unternehmung von uns beiden: Mein Bruder hatte sich in unserem Haus verschanzt; er hatte die Tür von innen abgeriegelt. Meine Mutter und ich kamen gerade vom Einkaufen und waren abgekämpft; mein Vater noch auf der Arbeit. Wir hatten nun die Wahl, die Polizei zu rufen oder ins Kino zu gehen. Rückblickend weiß ich nicht mehr genau, ob es eine Übersprungshandlung war – jedenfalls gingen meine Mutter und ich an diesem Tag tatsächlich ins Kino und schauten uns die Jane Austen-Verfilmung „Emma“ an, da wir riesige Jane Austen-Fans waren. Ich weiß noch, dass ich mich keine Sekunde auf den Film konzentrieren konnte und dass wir mit dem Auto wieder nach Hause rasten, stumm und voller Selbstvorwürfe. Ich weiß aber auch noch, dass mein Bruder die Tür entriegelt hatte. Für diesen Moment war wieder einmal alles gut.