„Mit sechzehnsechzig Jahren, da fängt das Leben an …“
Anmerkung: Die Autorin hat mit den hier zu Wort kommenden Betroffenen gesprochen. Die Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Was wie der falsch geschriebene Titel eines bekannten Udo-Jürgens-Songs klingt, ist bewusst gewählt. Diese Überschrift erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die an ganz unterschiedlichen Punkten ihres Lebens stehen, aber trotzdem einen gemeinsamen Nenner haben: eine Suchterkrankung.
Lea ist jung, gerade volljährig geworden, mitten im Übergang ins Erwachsenenleben. Karl steht mit über 60 an einem Punkt, an dem er auf ein intensives Arbeitsleben zurückblickt. Was sie verbindet, ist nicht ihr Alter oder ihre Lebenssituation, sondern die Erfahrung, wie kompromisslos eine Abhängigkeit das eigene Leben einnimmt.
Lea war mit 16 bereits tief in einer Alkoholsucht gefangen, um ihren Schulalltag überhaupt bewältigen zu können. Mit 18 kam sie in eine stationäre Entgiftung.
Karls Trinkverhalten wirkte lange unauffällig. Über Jahrzehnte war der Konsum zwar Teil seines Lebens, oft aber durch Arbeit und Funktionieren verdeckt. Als diese Struktur wegfiel, eskalierte seine Situation schnell. Mit 60 stand er vor der existenziellen Frage: Sucht oder Leben?
Die ersten Schritte – Wenn „anders sein“ auffällt
Lea:
Ich habe mit 13 oder 14 Jahren angefangen zu trinken, so wie viele andere auch. In der Mittagspause oder nach der Schule kaufte jemand hier und da eine Weinschorle. Am Anfang war das was Gemeinschaftliches, irgendwie lustig.
Aber relativ schnell habe ich gemerkt, dass ich das weniger unter Kontrolle hatte als die anderen. Es ging mir bald darum, wie viel ich noch trinken kann, ohne dass es auffällt. Der Alkohol hatte eine starke Wirkung auf mich. Die Stunden nach dem Trinken waren plötzlich deutlich einfacher.
Ich hatte schon immer Probleme mit Reizüberflutung und sozialen Situationen. Mit Alkohol war ich offener, weniger angespannt, weniger erschöpft. Irgendwann war mir klar, dass das aber kein normaler Umgang ist, mir diese Situationen erträglich zu trinken. Daran habe ich gemerkt, dass ich süchtig bin.
Karl:
Meine ersten Kontakte mit Alkohol waren mit 14 oder 15 Jahren, so wie bei vielen. Partys, Billard, Karten spielen. Mir ist aber schon sehr früh aufgefallen, dass ich anders trinke als andere.
Wenn mein Bruder sich zwei Radler bestellt hat, hatte ich in der gleichen Zeit mehrere Hefeweizen. Und ich habe mich schon gefragt, warum ich das eigentlich mache, obwohl es mir nicht mal schmeckt. Aber im Grunde kannte ich die Antwort: Hefeweizengläser sind groß und das Bier eben stärker als ein Radler.
Mir war damals schon klar, dass es mir um die Wirkung geht. Ich habe auch früh viel geraucht und hatte ein Gefühl dafür, dass ich suchtgefährdet bin. Dieses Gefühl war eigentlich schon ein erstes Warnsignal.
Tatsächlich hat mich das davon abgehalten, wie andere auch zu kiffen oder LSD zu nehmen. Irgendwie wusste ich, wenn ich noch andere Substanzen zu mir nehmen würde, dass die Gefahr relativ hoch ist, dass ich sehr schnell untergehe.
Das frühe innere Wissen
Viele suchtkranke Menschen wissen erstaunlich früh, dass etwas nicht stimmt. Nicht rational, nicht laut ausgesprochen, aber innerlich sehr klar. Man beobachtet sich selbst, vergleicht sich mit anderen und merkt: Ich konsumiere anders: mehr, schneller, zielgerichteter.
Karl erzählt, dass ihn Jugendliche in Workshops oft fragen, wann er gemerkt habe, dass er ein Problem hat. Die meisten tippen, dass es erst spät an seinem Tiefpunkt war. Seine Antwort überrascht fast immer: Mit 16 oder 17 Jahren. Einfach, weil er gesehen hat, dass sein Konsum nicht dem der anderen entspricht.
Warum konsumiert wird – Die Funktion der Sucht
Lea:
Der Alkoholkonsum hatte bei mir ganz klar eine Funktion. Er hat mir bei fast allem geholfen: Bei Vorträgen in der Schule, in sozialen Situationen, beim Einschlafen. Wenn ich emotional völlig überfordert war, konnte ich das damit einfach ausschalten.
Irgendwann habe ich fast nur noch alleine getrunken. Partys waren mir eigentlich egal. Und wenn ich irgendwo hingegangen bin, dann wegen des Alkohols. Ab einem gewissen Punkt konnte ich all diese Dinge nüchtern überhaupt nicht mehr.
Karl:
Mein Vater war auch Alkoholiker und wurde aggressiv und bösartig, wenn er getrunken hat. Alkohol war für mich lange eine Art Schutz, eine rosa Brille, um mir das Erlebte etwas zu erleichtern. Ich habe nie wegen des Geschmacks getrunken, immer wegen der Wirkung.
Die Arbeit hat mich viele Jahre davor bewahrt, noch mehr zu trinken. Ich musste ja funktionieren. Aber es wurde immer anstrengender. Nachts bis spät zu trinken, morgens früh raus und sich nichts anmerken lassen. Das kostet brutal viel Kraft.
Warnsignale – Was Eltern und Lehrkräfte wahrnehmen können
Die Geschichten von Lea und Karl zeigen, dass Abhängigkeiten selten plötzlich entstehen. Sie entwickeln sich schleichend. Und oft gibt es Anzeichen, die auf ein Problem hindeuten.
- auffällig schneller oder deutlich stärkerer Alkoholkonsum als bei Gleichaltrigen
- gezieltes Greifen nach hochprozentigem Alkohol oder häufige Gespräche über Alkohol und dessen Wirkung
- Alkoholgeruch („Alkoholfahne“), insbesondere zu ungewöhnlichen Zeiten oder Anlässen
- alkoholische Getränke, die im Schulranzen, Zimmer oder an anderen Orten versteckt und von Erwachsenen gefunden werden
- Ausreden, Lügen oder widersprüchliche Angaben rund um Partys, Übernachtungen oder das eigene Befinden
- Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder ungewöhnliche Müdigkeit
- deutliche Persönlichkeitsveränderung, z. B. von in sich gekehrt oder angespannt zu ungewöhnlich locker und extrovertiert
Weitere Hinweise können sein:
- sozialer Rückzug oder ein plötzlicher Wechsel im Freundeskreis
- Leistungseinbrüche oder starke Schwankungen in Schule oder Ausbildung – auch wenn nach außen noch „funktioniert“ wird
- häufige körperliche Beschwerden wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme ohne klare Ursache
- Verharmlosung oder Normalisierung eigentlich alarmierender Erfahrungen wie Filmrisse, häufiges Erbrechen oder Kontrollverlust
Lea beschreibt, dass sie oft Zeichen sieht, wo andere noch nichts sehen. Weil vieles gesellschaftlich normalisiert ist. Das Feierabendbier, der eine, der immer zu viel trinkt, das Weglachen von Filmrissen. Dabei sind das oft genau die Stellen, an denen Hinschauen wichtig wäre.
Wenn der Kontrollverlust eintritt
Lea:
Kurz vor meinem 18. Geburtstag hat bei mir der Konsum dann vollkommen überhandgenommen. Ich hatte sogar körperliche Entzugserscheinungen, wenn ich nicht getrunken habe. Der spätere Entzug musste dann ärztlich begleitet werden.
Das war körperlich und psychisch zu dieser Zeit wirklich furchtbar. Ich hatte massive Gedächtnisprobleme, Angstzustände, Schlafstörungen und Albträume. Ich wusste schon während Gesprächen, dass ich mich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern werde.
Karl:
Ich habe über tausend Tage erlebt, an denen ich morgens fest beschlossen habe, heute nichts zu trinken und schon gar nicht vor dem Mittagessen. Und habe es letztlich nicht geschafft.
Dass ich beim Thema Alkohol immer wieder gescheitert bin, zeigt mir heute, welche Macht eine Abhängigkeit hat.
Der Wendepunkt – Eine existenzielle Entscheidung
Karl:
Für mich war es der Moment, als ich meine Tochter wegen meiner Alkoholabhängigkeit weinen gesehen habe. In dieser Sekunde war klar: Ich muss mit dem Trinken aufhören.
Lea:
Danach habe ich entschieden: Ich will so nicht weiterleben. Ich hatte Angst um meinen Körper und um mein Leben. Es war so im Grunde kein Leben mehr.
Ein Neuanfang ist immer möglich
Sucht kennt kein Alter, keine Grenzen. Aber Hoffnung, Hilfe und Auswege gibt es auch in jedem Alter. Es braucht das ganze Dorf, um hinzuschauen, anzusprechen und zu unterstützen. Fangen wir damit an.
Mehr zum Thema Alkoholabhängigkeit sowie Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige findest du im Blogbeitrag „Nur (noch) ein Bier - wo ist die Grenze zur Alkoholabhängigkeit?“