Nicht für alle scheint die Sonne gleich – Was der Sommer mit der Psyche machen kann

08.07.2026 von Jessica Sahlmen

Der Hochsommer ist da. Die Tage sind lang, die Parks und Cafés voll und auf Instagram springen uns Urlaubsbilder entgegen. Überall Menschen, die lachen und das Leben genießen. Für viele ist es die schönste Jahreszeit.

Für andere aber ist sie die Härteste: Studien zeigen, dass sich im späten Frühjahr und Sommer mehr Menschen das Leben nehmen als zu jeder anderen Jahreszeit.1 Besonders betroffen sind 15- bis 24-Jährige: Mit jedem zusätzlichen Grad Celsius steigt ihre Suizidrate in den Sommermonaten um rund drei Prozent und damit drei- bis viermal stärker als in der übrigen Bevölkerung.2

Wem es psychisch nicht gut geht, erlebt den Sommer ganz anders: Das helle Licht, die Hitze, der soziale Druck und die allgegenwärtige Fröhlichkeit der anderen können sich anfühlen wie ein Kontrastmittel, das das eigene Empfinden noch schärfer hervorhebt. Die Einsamkeit wiegt schwerer. Und das Gefühl, anders zu sein, wächst. Doch das lässt sich nicht einfach auf einen sozialen Vergleich zurückführen. Dahinter stehen Ursachen, die die Wissenschaft zunehmend versteht.

Sommerdepression: Wenn die Sonne keinen Unterschied macht

Depressionen verschwinden nicht einfach, weil die Sonne scheint. Laut einer aktuellen Erhebung leidet mehr als jede achte Person in einem beliebigen Zwei-Wochen-Zeitraum unter deutlichen depressiven Beschwerden, egal zu welcher Jahreszeit.3 Die Erkrankung kennt also keinen Sommerurlaub.

Es gibt sogar eine eigene Form der saisonal abhängigen Depression (SAD), die explizit im Sommer auftritt. Schätzungsweise 5 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen.4 Die Symptome unterscheiden sich dabei von der klassischen Winterdepression: Statt Antriebslosigkeit und Rückzug stehen bei der Sommervariante häufig Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Nervosität, Appetitlosigkeit und Konzentrationsprobleme im Vordergrund. Eine mögliche Ursache: Das intensive Sonnenlicht im Sommer drosselt die Melatonin-Produktion und wirft damit biochemische Prozesse im Körper durcheinander.

Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus, der besonders schmerzhaft sein kann: Beim Betrachten all der Urlaubsbilder anderer auf Social Media und den ausgelassenen Menschen, die draußen unterwegs sind, entstehen Schuldgefühle: „Warum genieße ich nicht, was alle anderen genießen?“ Dieses Gefühl des „Versagens“ erzeugt zusätzliche Anspannung und verstärkt die depressive Grundstimmung. Gleichzeitig ziehen sich Betroffene dann häufig zurück, um dem Erwartungsdruck zu entkommen, was die Einsamkeit wiederum vertieft. Dabei zeigen Studien, dass soziale Unterstützung einer der stärksten Schutzfaktoren gegen Depression ist.5

 

Hitze ist nicht nur für den Kreislauf, sondern auch für die Psyche belastend

Untersuchungen der Medizinischen Universität Wien zeigen, dass anhaltende Temperaturen über 30 Grad Celsius Angststörungen und Depressionen sowohl auslösen als auch verschlimmern können. Aggressive Verhaltensweisen nehmen zu, ebenso Erschöpfung, Lethargie und gedrückte Stimmung.6

An extrem heißen Tagen ist auch das Risiko, wegen einer psychischen Erkrankung in die Notaufnahme zu kommen, deutlich erhöht. Das gilt vor allem für Betroffene mit Depression, Angststörung, bipolarer Störung und Schizophrenie. Auch Kinder zeigen an Hitzetagen häufiger psychische Auffälligkeiten wie Angst, Wutausbrüche oder ADHS-Symptome.7

Ein Grund dafür ist physiologischer Natur: Bei hohen Temperaturen verbraucht der Körper enorme Energie, um die Kerntemperatur zu halten. Für das Gehirn bleibt weniger übrig. Schlaf wird schlechter, die kognitive Leistungsfähigkeit sinkt, die emotionale Regulation wird schwieriger.8 Hitze wirkt wie ein zusätzlicher Stressor, der bestehende psychische Erkrankungen nachweislich verschlimmern kann.

Für Menschen mit Angst- oder Panikstörungen kommt noch etwas hinzu: Hohe Temperaturen können Angststörungen nicht nur verschlimmern, sondern auch auslösen.6 Erschwerend wirkt, dass körperliche Hitzereaktionen wie Herzrasen, Schwitzen oder Kurzatmigkeit den Symptomen einer Panikattacke stark ähneln. Der Körper schlägt Alarm und das Gehirn kann diese Signale als Bedrohung deuten.

 

Für junge Menschen kann der Sommer eigene Belastungen mitbringen

Wenn wir an Sommerprobleme denken, denken wir meist an Erwachsene. Doch gerade für Kinder und Jugendliche verändert sich in dieser Jahreszeit viel.

Die Schule ist für viele junge Menschen weit mehr als ein Lernort: Sie kann ein wichtiger Schutz- und Entwicklungsraum für die psychische Gesundheit sein.9 Mit den Sommerferien fällt für sechs Wochen weg, was sonst Halt gibt – ein fester Tagesablauf, der tägliche Kontakt zu Freund*innen, der Blick von Lehrkräften oder Schulsozialarbeitenden, manchmal auch ein verlässliches Mittagessen. Fachleute weisen darauf hin, dass in den Ferien zugleich die schulischen Hilfesysteme nicht zur Verfügung stehen und der geregelte Schulalltag entfällt – für ohnehin belastete Kinder kann das destabilisierend wirken.10

Hinzu kommt: Wer zuhause Konflikte, Überforderung, im schlimmsten Fall Gewalt oder Vernachlässigung erlebt, verbringt in den Ferien mehr Zeit genau dort. Und auch der soziale Vergleich trifft junge Menschen besonders: Wenn Mitschüler*innen von Urlauben erzählen oder Reisefotos posten, während man selbst zuhause bleibt – vielleicht, weil das Geld nicht reicht –, kann das Gefühl, nicht dazuzugehören, schwer wiegen.

Worauf du als Erwachsene*r achten kannst

Junge Menschen sagen selten direkt „Mir geht es schlecht.“ Häufiger zeigt es sich anders: Rückzug, Gereiztheit, ein verändertes Schlaf- oder Essverhalten, das Wegbleiben von Dingen, die früher Freude gemacht haben. An heißen Tagen können Anspannung, Wutausbrüche oder Unruhe zunehmen. Du musst nichts diagnostizieren und keine Lösung parat haben. Oft reicht es, präsent zu bleiben, nachzufragen und ein offenes Ohr anzubieten. Und im Zweifel gemeinsam zu überlegen, wo es Unterstützung gibt.

 

Wenn der Sommer den Blick auf den eigenen Körper lenkt

Mit dem Sommer wird der Körper sichtbarer: leichtere Kleidung, Freibad, Strand. Für junge Menschen, die mit ihrem Körperbild hadern, kann das eine zusätzliche Belastung sein. Essstörungen haben nie nur eine Ursache – sie entstehen aus einem Zusammenspiel biologischer, individueller und soziokultureller Faktoren. Belegt ist dabei, dass das extrem schlanke Schönheitsideal in Werbung, Castingshows und sozialen Netzwerken bei Heranwachsenden die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steigert.11 Im Sommer, wenn der Körper weniger verhüllt ist und Vergleiche allgegenwärtiger werden, kann dieser Druck noch schwerer wiegen.

Worauf du achten kannst

Mögliche Warnzeichen sind eine starke gedankliche Beschäftigung mit Essen, Gewicht oder Figur, ein verändertes Essverhalten, das Meiden von Situationen, in denen der Körper sichtbar wird (etwa Schwimmen), oder weite Kleidung, die trotz Hitze die Figur verdecken soll. Auch hier gilt: nicht das Gewicht oder Essverhalten in den Vordergrund stellen, sondern ohne Druck das Gespräch suchen und zu Unterstützung ermutigen. Eine erste Anlaufstelle ist das Beratungstelefon Essstörungen des Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) unter 0221 892031.

 

Ein oft übersehenes Risiko: Psychopharmaka und Hitze

Wer Medikamente gegen psychische Erkrankungen nimmt, trägt im Sommer ein zusätzliches, häufig unterschätztes Risiko. Mehrere Wirkstoffgruppen können die Fähigkeit des Körpers zur Temperaturregulation erheblich beeinträchtigen.12

Antidepressiva können die zentrale Thermoregulation stören und die Empfindlichkeit gegenüber Hitze erhöhen – manche lassen zu viel schwitzen, andere hemmen das Schwitzen, was den Körper an der notwendigen Abkühlung hindert.12

Neuroleptika (Antipsychotika) greifen an mehreren Stellen in die Wärmeregulation ein und erhöhen das Risiko für ein sogenanntes malignes neuroleptisches Syndrom, dessen Kernsymptom eine stark erhöhte Körpertemperatur ist.13

Lithium, ein häufig eingesetztes Mittel zur Stabilisierung der Stimmung bei bipolaren Störungen, birgt bei Hitze ein besonderes Risiko: Starkes Schwitzen und Flüssigkeitsverlust können dazu führen, dass sich der Wirkstoff im Körper in toxischen Konzentrationen anreichert. In schweren Fällen kann dies lebensbedrohlich werden.12

Das Deutsche Ärzteblatt und die Deutsche Allianz Klimawandel & Gesundheit (KLUG) weisen ausdrücklich auf diese Risiken hin und empfehlen, die Auswirkungen von Hitze auf Psychopharmaka aktiv im Blick zu behalten.14 Wenn du, dein Kind oder jemand in deinem Umfeld Psychopharmaka nimmt: Sprecht mit den behandelnden Ärzt*innen darüber, was in der heißen Jahreszeit zu beachten ist, falls das noch nicht Thema war. Bitte die Medikamente nicht einfach eigenständig absetzen.

 

Hilfreiches für heiße Tage

Du musst den Sommer nicht mögen oder genießen. Aber es gibt Dinge, die dir und Menschen in deinem Umfeld helfen können, diese Jahreszeit besser zu überstehen:

Kühle Räume aufsuchen

Bibliotheken, Museen, Kinos oder klimatisierte Cafés können echte Erholungsorte sein. Auch abends und nachts für ausreichend Kühle im Schlafzimmer sorgen, denn schlechter Schlaf verstärkt psychische Symptome nachweislich.

Ausreichend trinken

Dehydration beeinträchtigt nicht nur den Körper, sondern auch die kognitive Funktion und das emotionale Gleichgewicht. Bei bestimmten Medikamenten (insbesondere Lithium) ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr besonders wichtig.

Aktivitäten anpassen

Sport und Bewegung in die Morgen- oder Abendstunden verlegen. Körperliche Bewegung bleibt eines der wirksamsten Mittel gegen depressive Verstimmungen.

Den Druck herausnehmen

Es ist keine Schwäche, den Sommer nicht zu genießen. Und die Menschen, die in Cafés und auf Social Media so unbeschwert wirken, haben auch ihre Sorgen und Belastungen. Was wir sehen, ist nie das ganze Bild. Im Sommer gibt es aber mehr Potenzial, sich zu vergleichen.

Sozialen Kontakt halten

Isolation verstärkt Einsamkeitsgefühle und depressive Gedanken. Trotzdem muss sich niemand zu Events oder Aktivitäten in großen Gruppen zwingen, die gerade nicht das Richtige sind. Schau, was dir guttut, und bleib in Kontakt mit anderen – vielleicht sind es Spaziergänge am Abend oder öfter mal ein Telefonat statt einem Treffen in der Hitze.

Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

Wenn du merkst, dass es dir oder jemandem in deinem Umfeld – vor allem jungen Menschen – im Sommer über einen längeren Zeitraum nicht gut oder schlechter geht, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Der erste Schritt kann die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis sein. Wenn bereits eine psychotherapeutische oder psychiatrische Anbindung besteht, meldet euch dort und besprecht die Situation. Bei einem Hitzenotfall bitte immer den Rettungsdienst unter 112 rufen.

 

Frag nach. Schau hin. Sei da.

Wenn dir auffällt, dass jemand in deinem Umfeld im Sommer leiser wird, sich zurückzieht oder scheinbar nicht mitfeiern kann: frag nach. Nicht mit einem flüchtigen „Alles gut?“, sondern mit Offenheit:

„Wie geht es dir gerade?“

„Ich habe den Eindruck, dass es dir gerade nicht so gut geht. Möchtest du darüber sprechen, wie du dich momentan fühlst?“

Manchmal ist das Wichtigste, dass jemand fragt und zeigt: Ich bin für dich da. Du kannst auf mich zukommen, wenn etwas ist.

Wir alle können im Leben anderer eine Rolle spielen. Vor allem im Leben junger Menschen, die auf ihr erwachsenes Umfeld angewiesen sind. Nicht als Problemlöser*in, sondern als Mensch, der hinschaut, nachfragt und unterstützt.

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Literaturverzeichnis

1 therapie.de (o. J.): Suizid: Zahlen und Fakten aus Deutschland und Europa.
URL: https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/suizid/statistiken-deutschland-und-europa/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

2 Müller, T. (2026): Sommerhitze treibt Suizidrate junger Menschen in die Höhe. springermedizin.de.
URL: https://www.springermedizin.de/suizidalitaet/suizid/sommerhitze-treibt-suizidrate-junger-menschen-in-die-hoehe/52835500
[Zuletzt abgerufen am: 03.07.2026].

3 Redemoment Psychotherapie (2025): Sommerdepression: Wenn Sonne Schatten wirft.
URL: https://redemoment.de/depression-im-sommer-wenn-die-sonne-den-schatten-nicht-vertreibt/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

4 Praxis am Bahnhof (2024): Depression trotz Sommer, Sonne und Badewetter.
URL: https://www.praxisambahnhof.ch/blog/depression-trotz-sommer-sonne-und-badewetter/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

5 Holt-Lunstad, J.; Smith, T. B.; Layton, J. B. (2015): Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, Vol. 10, No. 2, S. 227–237.
URL: https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1745691614568352
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

6 Medizinische Universität Wien (2023): Hitze kann psychische Erkrankungen auslösen oder verstärken. Pressemitteilung vom 17.08.2023.
URL: https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/2023/news-im-august-2023/hitze-kann-psychische-erkrankungen-ausloesen-oder-verstaerken/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

7 Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) (2022): Steigende Temperaturen belasten die Psyche.
URL: https://www.bptk.de/steigende-temperaturen-belasten-die-psyche/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

8 Walinski, A.; Sander, J.; Ionescu, S.; Wollschläger, D. et al. (2023): Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 120, Heft 8, S. 117–124. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0403.
URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/229915/Auswirkungen-des-Klimawandels-auf-die-psychische-Gesundheit
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

9 Bilz, L. (2023): Psychische Gesundheit in der Schule. Pädiatrie & Pädologie, Jg. 58 (Suppl. 1), S. 8–12. DOI: 10.1007/s00608-022-01031-7.
URL: https://link.springer.com/article/10.1007/s00608-022-01031-7
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

10 Deutsches Schulportal (2025): „Wir haben eine Pandemie der psychischen Belastungen“. Interview mit Julian Schmitz.
URL: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/mentale-gesundheit-bei-schuelern-julian-schmitz-wir-haben-eine-pandemie-der-psychischen-belastungen/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

11 Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) (o. J.): Ursachen und Auslöser von Essstörungen.
URL: https://essstoerungen.bioeg.de/was-sind-essstoerungen/ausloesende-faktoren/
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

12 Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) (2025): Empfehlungen für Psychotherapeut*innen bei Hitze.
URL: https://bvvp.de/wp-content/uploads/2025/06/20250618-Empfehlungen-fuer-die-Psychotherapie-bei-Hitze_public.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

13 PTAheute (2025): Welche Nebenwirkungen sind bei Hitze problematisch?
URL: https://www.ptaheute.de/aktuelles/2022/07/20/welche-nebenwirkungen-sind-bei-hitze-problematisch
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].

14 Deutsches Ärzteblatt (2019): Welche Medikation bei großer Hitze Probleme bereiten kann.
URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/104148/Welche-Medikation-bei-grosser-Hitze-Probleme-bereiten-kann
[Zuletzt abgerufen am: 24.06.2026].