Nur (noch) ein Bier - wo ist die Grenze zur Alkoholabhängigkeit?
In Deutschland ist Alkohol aus vielen sozialen Situationen und traditionellen Festen nicht wegzudenken. Trotz der gesellschaftlichen Akzeptanz ist der Konsum von Alkohol in jeder Menge schädlich und resultiert im Übermaß in massiven gesundheitlichen Problemen wie Leber- oder Krebserkrankungen. Wo die Grenze zwischen gelegentlichem Trinken in Gesellschaft hin zu riskantem Alkoholkonsum liegt, wird im Folgenden geklärt.
Hinweis: Wenn im folgenden Artikel von Alkohol die Rede ist, ist in allen Fällen der von Menschen in kleinen Mengen vertragene Alkohol Ethanol (Trinkalkohol) und keine andere chemische Alkoholverbindung gemeint.1
Alkoholkonsum in Deutschland
Jede über 15 Jahre alte Person in Deutschland trinkt durchschnittlich mehr als 10 Liter reinen Alkohol im Jahr. Das ist etwa 18 Prozent mehr Alkohol als durchschnittlich in den 38 Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung konsumiert wird2. Damit gilt Deutschland als sogenanntes Hochkonsumland für Alkohol3. Dies ist problematisch, da mit dem steigenden Konsum von Alkohol dessen Risiken zunehmen.
Wirkung von Alkohol
Im Körper wird Alkohol über Magen und Dünndarm aufgenommen und verteilt sich anschließend über die Blutbahn im gesamten Körperwasser. Im Gehirn angekommen, regt Alkohol die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin an, die eine kurzfristige Belohnungsreaktion auslösen.
Gleichzeitig beeinträchtigt Alkohol die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit, was sich unter anderem in verlangsamten Reaktionen und unsicherem Bewegungsverhalten zeigt. Diese zeigen sich ab etwa 1 Promille. Aber schon ab etwa 0,2 Promille beginnen sich das subjektive Erleben und das persönliche Verhalten spürbar zu verändern.
Wer 2 Promille erreicht, erlebt die betäubende Wirkung von Alkohol. Im Betäubungsstadium kommt es zu starken Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, des Bewusstseins und des Gleichgewichts. Das Reaktionsvermögen ist in diesem Zustand kaum noch vorhanden.4
Ein weiterer Effekt von Alkohol ist der Abfall des Blutzuckerspiegels, der durch die Hemmung der Glukosefreisetzung in der Leber entstehen kann. Dies kann zu Kopfschmerzen, Gereiztheit und allgemeinem Unwohlsein führen. Zudem beeinflusst Alkohol die Wasserregulation der Nieren negativ, was zu vermehrter Wasserausscheidung und damit zu Dehydration führt – ein Faktor, der ebenfalls Kopfschmerzen und Schwächegefühl begünstigen kann.
In der Leber wird Alkohol (Ethanol) in mehreren Schritten abgebaut. Dabei entsteht als Zwischenprodukt Acetaldehyd (auch Ethanal genannt), ein Zellgift, das in höheren Dosen Zellschäden verursachen kann und wesentlich zu den unangenehmen Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums beiträgt.5
Negative Auswirkungen von Alkoholkonsum
Grundsätzlich ist der Konsum von Alkohol für Menschen schädlich. Er erhöht unter anderem die Risiken für Schlaganfälle, diverse Herzerkrankungen sowie Herzversagen. Außerdem sinkt die Lebenserwartung bei einem steigenden Alkoholkonsum.6
Wenn viel Alkohol konsumiert wird, können zudem Abhängigkeitserkrankungen und chronische Leberschäden entstehen sowie das Risiko für bestimmte Krebsarten stark erhöht werden.7 Insgesamt ist der Konsum alkoholischer Getränke mit dem erhöhten Risiko für die Entstehung sowohl akuter als auch chronischer Erkrankungen und mit möglichen sozialen Schwierigkeiten verbunden.8
Durch alkoholbedingtes (Fehl-)verhalten können Konflikte in Familie und Freundeskreis entstehen, da Alkohol häufig aggressives Verhalten und Kommunikationsprobleme begünstigt. Zudem fördert er soziale Isolation, wenn Betroffene durch ihr Verhalten aus dem sozialen Umfeld ausgeschlossen werden.
Riskanter Alkoholkonsum, Rauschtrinken und Alkoholabhängigkeit
Gemäß der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. ist hinsichtlich des Konsums von Alkohol nur der vollständige Verzicht gesund.9 Allerdings wird eine Menge von acht bis 10 Gramm Reinalkohol bei Frauen und 15 bis 20 Gramm bei Männern wöchentlich noch als risikoarmes Konsumverhalten betrachtet. Hier ist davon auszugehen, dass Menschen nur geringe Schäden durch den Alkohol erleiden.10
Von einem riskanten Alkoholkonsum spricht man, wenn Frauen 12 g Reinalkohol oder mehr am Tag und Männer 24 Gramm oder mehr konsumieren.11
Zur Orientierung: Ein Glas Wein enthält etwa 16 Gramm Alkohol, ein Bier (0,33l) etwa 13 Gramm.12
Wer so viel Alkohol konsumiert, dass eine Konzentration von 1,0 Promille erreicht wird, befindet sich die Person im sogenannten Rauschstadium. Hier erhöht sich aufgrund reduzierter Reaktionsfähigkeit und übermäßiger Risikobereitschaft die Gefahr für Unfälle. Außerdem steigt die Wahrscheinlichkeit Täter*in oder Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.
Wenn Menschen eine Konzentration von 3,0 Promille erreichen, werden sie vermutlich ohnmächtig. Somit kann sich der Körper nicht mehr vor Gefahren schützen und droht einer Unterkühlung oder sogar einem Atemstillstand ausgesetzt zu sein.
Problematisch wird es insbesondere dann, wenn aus regelmäßigem Alkoholkonsum eine Abhängigkeit entsteht, die sich durch ein starkes Verlangen oder einen inneren Zwang zum Trinken äußert. Typisch ist außerdem eine verminderte Kontrolle über Beginn, Beendigung und Menge des Konsums – etwa wenn Alkohol häufiger oder in größeren Mengen konsumiert wird als beabsichtigt oder wenn Versuche, den Konsum zu reduzieren, scheitern. Auch körperliche Entzugssymptome beim Reduzieren oder Absetzen des Alkohols sind kennzeichnend für eine Abhängigkeit.13
Der CAGE-Test
Um sich einen ersten Überblick über den Alkoholkonsum einer Person zu verschaffen, kann der sogenannte CAGE-Test verwendet werden. Der Name des Tests setzt sich aus den jeweils ersten Buchstaben der vier englischsprachigen Fragen zusammen. Er kann bei zwei oder mehr positiv beantworteten Fragen eine Indikation für einen missbräuchlichen Alkoholkonsum geben, für eine Diagnose sind aber ausführliche Testungen unvermeidlich.
C – Cut down: „Hast du jemals das Gefühl gehabt, dass du deinen Alkoholkonsum verringern solltest?“
A – Annoyed: „Hast du dich jemals von Kritik über deinen Alkoholkonsum verärgert gefühlt?“
G – Guilty: „Hast du jemals Schuldgefühle bezüglich deines Alkoholkonsums gehabt?“
E – Eye-opener: „Hast du jemals morgens ein alkoholisches Getränk gebraucht, um dich zu beruhigen oder den Kater zu lindern?“14
Alkohol und Schule
In Deutschland machen viele Jugendliche bereits früh erste Erfahrungen mit Alkohol – im Durchschnitt erleben sie ihren ersten Rausch im Alter von 15,9 Jahren.15 Ein übermäßiger Konsum birgt in jedem Lebensalter gesundheitliche Gefahren, im Jugendalter jedoch besonders gravierende, da sich Körper und Persönlichkeit noch in der Entwicklung befinden und langfristige Beeinträchtigungen unter anderem des Gehirns möglich sind.16
Gerade deshalb spielt die Schule eine zentrale Rolle in der Alkoholprävention. Lehrkräfte – unterstützt von Fachkräften aus der Suchtberatung oder pädagogischen Einrichtungen – haben die Möglichkeit, gezielte Programme für Kinder und Jugendliche umzusetzen. Durch frühzeitige Ansprache kann der Umgang mit Alkohol positiv beeinflusst, riskantes Konsumverhalten vermindert oder verhindert und der Zeitpunkt des Erstkonsums hinausgezögert werden.17
Zudem bietet das schulische Umfeld die Chance, auch besonders gefährdete Gruppen wie Kinder aus suchtbelasteten Familien gezielt zu erreichen.18
Wie mit dem Thema (Alkohol-)Sucht in der Schule umgegangen werden kann, wird im Modul Sucht aus dem Fortbildungsprogramm tomoni.schools thematisiert.
Hilfe bei Problemen mit Alkohol
Wenn sich Alkoholkonsum zum Problem entwickelt – sei es durch regelmäßigen übermäßigen Konsum, Kontrollverlust oder erste gesundheitliche und soziale Folgen – ist es wichtig, sich frühzeitig Unterstützung zu holen. In Deutschland gibt es ein breites Netz an Beratungsstellen, Hilfsangeboten und Therapieeinrichtungen, die vertraulich und kostenfrei Hilfe leisten. Der erste Schritt kann ein Gespräch mit einer Suchtberatungsstelle oder dem/der Hausärzt*in sein. Einen Überblick über regionale Angebote bietet z. B. die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.
Ein professionell begleiteter Alkoholentzug ist wichtig, da ein plötzlicher Entzug schwere körperliche Komplikationen wie Krampfanfälle oder Delirium auslösen kann, die lebensbedrohlich sind. Zudem bietet eine professionelle Betreuung psychologische Unterstützung und erhöht die langfristige Erfolgswahrscheinlichkeit der Abstinenz.19
Hilfe für Betroffene
Menschen, die das Gefühl haben, dass Alkohol für sie ein Problem darstellt, können verschiedene Hilfsangebote in Anspruch nehmen – von telefonischer Beratung über ambulante Hilfe bis hin zu stationären Entwöhnungsbehandlungen. Telefonisch ist beispielsweise die global agierende Selbsthilfeorganisation Anonyme Alkoholiker täglich zwischen neun und 21 Uhr erreichbar. Onlineportale wie Alkohol? Kenn dein Limit bieten Informationen, Selbsttests und Kontaktmöglichkeiten zu Hilfestellen. Auch anonyme Online-Beratungen, z. B. über drugcom.de, ermöglichen einen niedrigschwelligen Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten.
Hilfe für das Umfeld von Betroffenen
Angehörige oder Freund*innen von Menschen mit Alkoholproblemen stehen häufig vor großen Herausforderungen. Sie erleben Hilflosigkeit, Schuldgefühle oder Überforderung. Auch für sie gibt es unterstützende Angebote – zum Beispiel durch spezielle Angehörigengruppen, Beratungsstellen oder Onlineplattformen wie Al-Anon Familiengruppen, die sich gezielt an das soziale Umfeld von Suchtkranken richten. Informationen und Unterstützung finden Angehörige ebenfalls auf www.suchthilfe-direkt.de.
Literaturverzeichnis
1 LEIFIchemie (o. J.): Die Stoffgruppe der Alkohole.
URL: https://www.leifichemie.de/erdoel-und-organische-stoffklassen/alkohole/grundwissen/die-stoffgruppe-der-alkohole
[Zuletzt abgerufen am: 17.03.2025].
2 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (2024): DHS Jahrbuch Sucht 2024.
URL: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/DHS_Jahrbuch_Sucht_2024_PM.pdf (S. 3).
3 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (o. J.): Zahlen, Daten, Fakten zu Alkohol.
URL: https://www.dhs.de/suechte/alkohol/zahlen-daten-fakten/
[Zuletzt abgerufen am: 17.03.2025].
4 drugcom.de (o. J.): Was passiert bei wie viel Promille?
URL: https://www.drugcom.de/haeufig-gestellte-fragen/fragen-zu-alkohol/was-passiert-bei-wie-viel-promille/
[Zuletzt abgerufen am: 26.05.2025].
5 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (2024): DHS Basisinfo Alkohol.
URL: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/BZGA-24-05879_DHS_Basisinfo_Alkohol_BFREI.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 20.05.2025].
6 GBD 2016 Alcohol Collaborators (2018): Alcohol use and burden for 195 countries and territories, 1990–2016.
URL: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)30134-X/fulltext
[Zuletzt abgerufen am: 18.03.2025].
7 World Health Organization (WHO) (2023): Global Status Report on Alcohol and Health 2023.
URL: https://www.who.int/publications/i/item/9789240096745
[Zuletzt abgerufen am: 20.05.2025].
8 Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (2019): Drogen- und Suchtbericht 2019.
URL: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Drogen_und_Sucht/Berichte/Broschuere/Drogen-_und_Suchtbericht_2019_barr.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 20.05.2025].
9 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (o. J.): Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol.
URL: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/WK_der_DHS_-_Empfehlungen_zum_Umgang_mit_Alkohol.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 20.05.2025].
10 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (o. J.): Alkohol – gesundheitliche Risiken.
URL: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/FS_Alkohol_gesundh-Risiken.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 20.05.2025].
11 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (o. J.): Alkohol – gesundheitliche Risiken (Stand: gekürzt).
URL: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/FS_Alkohol_gesundh-Risiken.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 20.05.2025].
12 Schuckit, M.A. (1975): Alcohol-related disorders: Perspectives and international issues.
URL: https://psycnet.apa.org/record/1975-03394-001
[Zuletzt abgerufen am: 08.04.2025].
13 Kraus, L. (2019): Bestandsaufnahme Alkohol.
URL: https://www.gkv-buendnis.de/media/pdf/Bestandsaufnahme_Alkohol_Kraus.pdf
[Zuletzt abgerufen am: 26.05.2025].
14 drugcom.de (o. J.): Wie Alkohol das Gehirn junger Menschen schädigt.
URL: https://www.drugcom.de/newsuebersicht/topthemen/wie-alkohol-das-gehirn-junger-menschen-schaedigt/
[Zuletzt abgerufen am: 26.05.2025].
15 GKV-Bündnis für Gesundheit (o. J.): Alkoholprävention in der Schule.
URL: https://www.gkv-buendnis.de/gesunde_lebenswelten/schule/themen_und_inhalte_2/suchtpraeventrion_in_der_schule/alkoholpraevention_schule.html
[Zuletzt abgerufen am: 26.05.2025].
16 Kenn-dein-Limit (o. J.): Alkoholentzug.
URL: https://www.kenn-dein-limit.de/alkoholkonsum/alkoholismus/alkoholentzug/
[Zuletzt abgerufen am: 26.05.2025].