Räume schaffen und zuhören – Jugendliche zeigen, wie’s geht
Stell dir eine Welt vor, in der es psychisch erkrankten jungen Menschen besser geht. In der sie schnell und unkompliziert Unterstützung bekommen, in der sie keine Angst haben müssen, über ihre Gefühle zu sprechen und in der Erwachsene ihnen zuhören statt sie zu belehren. Was würde es dafür brauchen? Und was müssen Erwachsene tun, damit diese Welt Wirklichkeit wird?
In Frankfurt engagieren sich Menschen für eine solche Welt und wollen einen Unterschied machen. Gemeinsam mit betroffenen Kindern und Jugendlichen. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist der in 2025 bereits zum 5. Mal stattfindende Schul-Suizidpräventionstag. An diesem Tag gibt es den Raum und die Zeit für Themen, für die sonst nie Zeit ist. Die 400 Jugendlichen sprechen offen über ihre Erfahrungen, hören einander zu und entwickeln gemeinsam Ideen, wie unsere Gesellschaft psychische Gesundheit ernster nehmen kann und was sie für psychisch erkrankte Menschen tun können.
Das Besondere am Schul-Suizidpräventionstag ist, dass er von Jugendlichen für Jugendliche gestaltet wird. Eingeladen sind Schüler*innen ab Stufe 9 sowie Berufsschüler*innen, keine Lehrkräfte, keine Eltern.
Ziel des Tages ist es, in einem Safe Space Wissen zu vermitteln zu Suizidalität und psychischen Erkrankungen, Warnzeichen dafür früh zu erkennen und ins Handeln zu kommen für sich selbst und andere. Dies sehen die Veranstalter*innen als die beste Suizidprävention. Deswegen kombiniert der Tag kurze Impulse in Form von Vorträgen sowie zwei Workshop-Phasen, in denen in Kleingruppen über Themen wie „1.001 Fragen an Betroffene", ein Blick hinter die Kulissen der Psychiatrie, Leben mit psychisch kranken Eltern oder der Umgang mit Leistungsdruck gesprochen wird.
Diese Sessions werden von Jugendlichen mit eigenen Erfahrungen oder von studierten Fachleuten moderiert. Es gelten für den Tag klare Schutz- und Gesprächsregeln (Freiwilligkeit, Vertraulichkeit, Trigger-Hinweise, Selbstfürsorge). Anlaufstellen für Unterstützung sind vor Ort verfügbar.
Austausch macht stark
Viele Jugendliche erzählen nach den Workshops, wie befreiend es war, endlich offen über psychische Belastungen reden zu dürfen. „Oft stößt man mit dem Thema auf taube Ohren", sagt eine Teilnehmerin. „Aber dieser Austausch hier ist wichtig, egal ob man selbst betroffen ist oder nicht."
Die Atmosphäre ist dabei entscheidend. „Niemand musste sich verstellen, niemand musste sich schämen", beschreibt ein Schüler. „Man konnte einfach fragen. Und gerade weil die Gruppe so offen miteinander war, habe ich mich sicher gefühlt."
Es ist ein Tag des Redens und des Zuhörens. Dabei ist Zuhören kein passiver Akt. Es bedeutet, jemanden ernst zu nehmen, neugierig auf die Sichtweise des anderen zu sein und nicht vorschnell zu urteilen. Wer die Geschichten anderer hört, versteht besser, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun und wie Unterstützung gelingen kann.
Lernen von Betroffenen
Besonders wertvoll ist die Möglichkeit, von Menschen zu lernen, die selbst betroffen sind. „Es ist ein Unterschied, ob man einen Artikel liest oder ob jemand von seinen eigenen Erfahrungen erzählt", sagt eine Schülerin. „Erst dann versteht man, wie es wirklich ist."
Für diese Erfahrung sind die Workshops da. Sie decken eine große Bandbreite von Themen rund um psychische Erkrankungen ab: „Rausch und Risiko" lädt zur Selbstreflexion zu einem sehr tabuisierten Thema, der Sucht, ein. Ein anderer Workshop räumt mit Mythen rund um ADHS auf und zeigt, wie die Realität aussieht. Im Workshop „Trans*" geht es sowohl um medizinische Fakten als auch um persönliche Geschichten. Und im Workshop „Leben mit vielen Diagnosen" berichten Betroffene, wie sie mit mehreren psychischen Erkrankungen umgehen.
Die Wirkung ist spürbar: „Ich habe gelernt, wie das Leben einer betroffenen Person aussieht. Und dass es wichtig ist, wirklich zuzuhören und ernst zu nehmen, was gesagt wird. Und wie ich unterstützen kann."
Aktiv werden – kleine Schritte, große Wirkung
Dass aktiv werden möglich ist und auch gut tut, ist das Besondere dieses Tages. Junge Menschen leiten Workshops, teilen ihre Geschichten und bringen ihre eigenen Themen ein. „Natürlich habe ich mich vorbereitet und mir überlegt, welche Fragen ich stellen kann oder welche Studien ich einbeziehe. Aber im Kern geht es darum, die eigenen Erfahrungen zu teilen und die der anderen zu hören."
Dieser Tag macht Mut: Betroffene und Nicht-Betroffene lernen, dass aktiv werden gar nicht so schwer ist. Die einen merken, dass sie um Hilfe bitten können oder andere darüber aufklären, wie es ihnen geht und was ihnen hilft. Andere lernen, wie sie helfen können.
Und dass wir alle solche Orte gemeinsam schaffen können: Ob in der Schule, im Sportverein oder in der Nachbarschaft. Wenn es Räume und Zeit für solche Begegnungen gibt, in denen offen gesprochen werden darf, verändert das schon etwas.
Was Jugendliche sich von Erwachsenen wünschen
Viele erzählen auch von ihren Erfahrungen mit Eltern, Lehrer*innen oder anderen Erwachsenen. Manche von guten, manche von nicht so guten. Alle eint der Wunsch, dass Erwachsene zuhören sollen, Äußerungen ernst nehmen und handeln, statt zu belehren, abzuwerten oder zu verharmlosen.
Die Jugendlichen fordern Erwachsene heraus. „Erwachsene müssten sich eingestehen, dass sie manchmal weniger wissen als Jugendliche." Sie wünschen sich Offenheit und auch Verletzlichkeit. „Es wäre hilfreich, wenn auch Erwachsene zeigen würden, dass sie selbst nicht immer stark sind, dass das Thema alle betrifft." Und sie wünschen sich Respekt. „Erwachsene sollten aufhören, alles kleinzureden. Wir brauchen Verständnis und Akzeptanz, keine Belehrungen."
Damit es nicht nur bei Worten bleibt und auch Eltern einen Unterschied machen können, haben die Jugendlichen konkrete Bitten, Anliegen und Anregungen gesammelt. Daraus werden sie einen offenen Brief an die Frankfurter Eltern formulieren:
- Hört einfach zu, wenn jemand sagt, wie er sich fühlt. Tut es nicht ab oder verurteilt die Person dafür.
- Sorgt für mehr Aufklärung in Schulen, Vereinen und Familien. Mentale Gesundheit darf kein Tabu sein. Und nehmt bestehende Angebote auch für euch selbst wahr.
- Nehmt eure Kinder ernst und lasst sie nicht alleine mit dem „Das geht vorbei".
- Setzt euch dafür ein, dass Therapie leichter zugänglich gemacht wird, am besten mit einer ersten Sprechstunde für alle Jugendlichen. Kennt alle Angebote in eurer Umgebung.
- Nehmt die Schulen stärker in die Pflicht. Lehrkräfte sollten besser auf Themen der Früherkennung von Anzeichen psychischer Erkrankungen vorbereitet sein, aber auch auf Themen wie Mobbing.
- Behandelt psychische Erkrankungen wie jede andere Erkrankung auch. Wisst, was zu tun ist und redet darüber.
- Habt mehr Verständnis, nehmt mehr Rücksicht und sorgt für mehr Zusammenhalt, indem ihr die Bedürfnisse eurer Kinder und Jugendlichen achtet.
Aufklärung – jetzt und überall
Ein wiederkehrendes Thema ist Aufklärung. Jugendliche wünschen sich, dass psychische Gesundheit so selbstverständlich Thema ist wie körperliche. „Man sollte darüber reden, als wäre es normal, wie ein Besuch beim Hausarzt."
Viele schlagen vor, feste Angebote in Schulen zu schaffen: Suizidpräventionstage, Unterrichtseinheiten zu psychischer Gesundheit, regelmäßige Gespräche mit Fachpersonal. „Eltern, Lehrer*innen und auch Mitschüler*innen brauchen mehr Wissen. Nur dann können sie Anzeichen erkennen und helfen."
Andere wünschen sich mehr Sichtbarkeit in den Medien, aber ohne Romantisierung. „Es muss gezeigt werden, dass es ernst ist, nicht verherrlicht, sondern realistisch."
Ein funktionierendes System
Neben Haltung und Aufklärung geht es vielen Jugendlichen um das System. Sie erleben, dass die Wartezeiten für Therapie zu lang sind, Zugänge kompliziert, Hilfen unübersichtlich. „Es sollte ein gut funktionierendes System geben, in dem man schnell eine Therapie bekommt und in dem es einfacher wird, einzusteigen."
Einige schlagen konkrete Schritte vor: niedrigschwellige Anlaufstellen in Schulen und Vereinen, erste Gespräche für alle Jugendlichen, um zu klären, ob eine Therapie sinnvoll ist, mehr Fachpersonal, das sich regelmäßig Zeit nimmt und mehr Weiterbildung für Erwachsene, damit sie helfen können.
Ein Jugendlicher beschreibt es so: „Wenn mehr Leute aufgeklärt sind und Anzeichen erkennen, können sie helfen. Dann hätten wir so etwas wie eine Herdenimmunität, niemand würde allein gelassen."
Wer hinter dem Tag steht und bereits einen Unterschied macht
Organisiert wird der Schul-Suizidpräventionstag von dem StadtschülerInnenrat Frankfurt sowie tomoni mental health, einer NGO aus Frankfurt.
Eine besondere Rolle spielen die game.changer – der Jugendbeirat von tomoni. Sie entwickeln Themen, gestalten Workshops und bringen die Perspektive junger Menschen konsequent ein. Damit verkörpern sie genau das, was viele ihrer Altersgenoss*innen fordern: ernst genommen zu werden und mitzugestalten. Sie unterstützen tomoni auch dabei, Fortbildungen für Eltern und alle an Schulen Tätige zu entwickeln und bereichen diese mit ihrem Wissen und ihren gelebten Erfahrungen.
Ziel ist es, dem erwachsenen Umfeld die Sensibilität für die Früherkennung von Anzeichen zu vermitteln und Handlungssicherheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen zu stärken. So schließt sich der Kreis: Jugendliche fordern Aufklärung und Erwachsene, die zuhören – und tomoni schafft mit den game.changer die Angebote dafür.
Fazit: Es ist gar nicht so schwer
Der Schul-Suizidpräventionstag zeigt: Wenn Jugendliche Räume bekommen, in denen sie ernst genommen werden, entsteht etwas Besonderes. Sie tauschen sich aus, lernen voneinander und merken, dass sie nicht allein sind.
Und sie senden eine Botschaft an Erwachsene: Hört uns zu. Nehmt uns ernst. Helft uns.
Denn die Vision ist greifbar: Eine Welt, in der psychische Erkrankungen kein Tabu sind, Therapie zugänglich ist und Erwachsene bereit sind zuzuhören und sich einzulassen. Es braucht nicht immer große Systeme. Manchmal genügt ein Gespräch, ein offenes Ohr, ein Schritt aufeinander zu. Genau das kann Leben verändern. Und eine solche Atmosphäre kann jede*r schaffen. Denn: Es braucht das ganze Dorf.