Schulische AGs für queere Jugendliche als Präventionsmaßnahme? Ein Lehrer berichtet

13.08.2025 von Max M.

Anmerkung: Der Begriff „queer“ wird hier als umfassende Bezeichnung für alle Menschen verwendet, die sich als LGBTQIA+ oder als „nicht heteronormativ“ verstehen. Dieser Anteil liegt bei den seit 1995 in Deutschland geborenen Menschen bei ca. 12 Prozent.1

 

Besondere Vulnerabilität queerer Jugendlicher

Es gibt derzeit so viele Proteste gegen Donald Trumps Sparmaßnahmen, dass eine vergleichsweise kleine Kürzung kaum öffentlich wahrgenommen wurde: Ende Juni wurde bekannt, dass Trump die Förderung für das nationale Suizidpräventions- und Krisentelefon für queere Jugendliche bereits zum Juli streichen wird.2

Das professionell aufgestellte „Trevor Project“, das seit seiner Gründung 2022 mehr als 1,3 Millionen Hilfesuchende beraten hat, ist damit in seiner Existenz bedroht.3 Mit diesem Projekt waren die USA weltweit wegweisend, was die präventiven Maßnahmen für queere Jugendliche anbetrifft – und auch Deutschland weit voraus.

Angesichts der gleichzeitigen Auflösung von USAID, die voraussichtlich Millionen Menschen das Leben kosten wird4, sowie der drastischen Einsparungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich, wirken die gestrichenen 25 Millionen Dollar für eine SMS- und Telefonhotline fast nebensächlich5.

Allein – sie sind es nicht.

Denn queere Jugendliche haben ein signifikant erhöhtes Suizidrisiko: Laut aktuellen deutschen wie internationalen Studien liegt es 4 bis 5-mal höher als bei anderen Jugendlichen. Rund 70 % der befragten trans* Jugendlichen gaben an, bereits Suizidgedanken gehabt zu haben. Dabei sinkt das Risiko laut Studien um etwa 40 %, wenn nur eine erwachsene Person ihnen Wertschätzung und Unterstützung entgegenbringt.6,7

 

Gründe für die erhöhte Vulnerabilität

Die erhöhte psychische Belastung queerer Jugendlicher lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Das sogenannte „innere Coming-out“, also die Erkenntnis, sich von der Mehrheit der Gleichaltrigen zu unterscheiden, geht oft mit Einsamkeit, Anspannung und Unsicherheit einher. Das „äußere Coming-out“, also das Offenbaren gegenüber Freund*innen, Familie oder Mitschüler*innen, kann nach wie vor zu Ausgrenzung führen – bis hin zu physischer Gewalt.

Statistiken zeigen einen besorgniserregenden Anstieg von Hasskriminalität; auch einst bunte und friedliche CSD-Umzüge stehen zunehmend unter Bedrohung.8

 

Schulischer Umgang mit queeren Jugendlichen

In dieser sensiblen Phase der Identitätsfindung können Queere AGs an Schulen, die in den letzten Jahren vielerorts in deutschen Schulen entstanden sind, einen wertvollen Beitrag leisten. Die inhaltliche Ausgestaltung ist dabei fast zweitrangig – entscheidend ist, dass thematisch gut informierte Erwachsene präsent sind und die Jugendlichen so annehmen, wie sie sind.

Die Queere AG unserer Schule, die von mehreren queeren Lehrkräften geleitet wird, erinnert in ihrer Offenheit an aufsuchende Jugendarbeit: Wir schauen, wer kommt, welche Themen aktuell sind und worauf die Gruppe Lust hat. Oft planen wir beim vorigen Treffen Aktivitäten für das nächste Mal – gemeinsames Kochen, Basteln, DIY-Accessoires herstellen, Gäste einladen oder andere AGs treffen. Auch Gespräche über Schulalltag und nicht queere Themen stehen hoch im Kurs.

Eine andere Schule setzt auf eine AG, die sich grundsätzlich gegen jede Form von Diskriminierung engagiert – ein inklusiver Ansatz, der auch Vorurteile abbauen und die gesamte Schulgemeinde sensibilisieren kann.

Rein queere AGs haben den Vorteil, dass sich Jugendliche besonders offen austauschen können – in einem geschützten Raum, in dem Erwachsene einfach zuhören. Was uns wichtig ist?

  • An jeder Schule gibt es feste Ansprechpersonen für psychische Gesundheit.
  • Präventive Inhalte sind im Lehrplan verankert – genauso selbstverständlich wie Mathematik oder Deutsch.
  • Lehrkräfte werden unterstützt – denn ihre eigene psychische Gesundheit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
  • Politische Rahmenbedingungen sorgen für ausreichende finanzielle Mittel und klare Richtlinien.

Wir geben Hinweise zu Beratungsstellen oder medizinischen Anlaufpunkten, unterstützen bei Elterngesprächen oder in schwierigen Situationen. Vor allem aber zeigen wir durch unsere eigene Präsenz: Erwachsene queere Menschen können ein gutes Leben führen. Wir bieten Perspektiven.

 

Vernetzung und Prävention

Queere AGs sind zunehmend gut vernetzt. Viele präsentieren sich auf Instagram – einfach „queere AG“ in der Suche eingeben. Und das bundesweite Netzwerk OSQAR unterstützt sowohl Schüler*innen als auch Pädagog*innen beim Aufbau entsprechender Gruppen.

Das zwanglose Zusammenkommen ergänzt die schulische Sexualerziehung sinnvoll – idealerweise eingebettet in Fächer wie Biologie, Ethik, Religion oder PoWi. Auf persönlicher Ebene können queere AGs viel bewirken: Sie zeigen den Jugendlichen, dass sie nicht allein sind. Sie erleben, dass es Gleichaltrige gibt, die ähnliche Erfahrungen machen. Und Erwachsene, die ihnen vertrauensvoll zur Seite stehen.

Im besten Fall entsteht so ein „Safe Space“, der zu psychischer Stabilität beiträgt oder hilft, Krisen frühzeitig zu erkennen, um professionelle Unterstützung einzuleiten. Und vielleicht dabei die eine Begegnung, die das Suizidrisiko um 40 % senkt, weil eine erwachsene Person wertschätzend und unterstützend war. Kleiner Aufwand, große Wirkung.

Wenn ich im queeren Freund*innenkreis erzähle, dass ich eine queere AG mitbetreue (für die es selbstverständlich keine Entlastung gibt), sagen alle: „Ich wünschte, das hätte es bei mir früher gegeben.“

Und ich muss sagen: Stimmt. Ich hätte es mir auch gewünscht.

Umso schöner, dass ich es jetzt für die nächste Generation anbieten kann, in einer Zeit, in der sie gesellschaftlich enormen Herausforderungen gegenübersteht. Damit sie resilienter wird und nicht an der Welt verzweifelt.

 

Literaturverzeichnis

1 Statista (o. J.): Anteil der Befragten, die ihre sexuelle Orientierung wie folgt angeben, nach Geburtsjahr.
URL: https://de.statista.com/infografik/27440/anteil-der-befragten-die-ihre-sexuelle-orientierung-wie-folgt-angeben-nach-geburtsjahr/
[Zuletzt abgerufen am: 25.07.2025].

2 ZEIT ONLINE (2025): USA: Trevor Project – LGBTQ Suizid-Hotline.
URL: https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-06/usa-trevor-project-lgbtq-suizid-hotline
[Zuletzt abgerufen am: 25.07.2025].

3 The Trevor Project (o. J.): Offizielle Webseite – Unterstützung und Ressourcen für LGBTQ+ junge Menschen.
URL: https://www.thetrevorproject.org/
[Zuletzt abgerufen am: 11.08.2025].

4 Tagesschau (2025): USAID ist aufgelöst – die weltweiten Folgen könnten dramatisch werden.
URL: https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-entwicklungshilfe-usaid-ende-100.html
[Zuletzt abgerufen am: 11.08.2025].

5 Metro Weekly (2025): Trump to Cut Off Suicide Lifeline's LGBTQ Counseling Services.
URL: https://www.metroweekly.com/2025/06/trump-to-cut-off-suicide-lifelines-lgbtq-counseling-services/
[Zuletzt abgerufen am: 11.08.2025].

6 Jugendhilfeportal (o. J.): Queere-Jugend-Berlin.de – Das Portal für queere junge Menschen in Berlin, mit Freizeit-, Sportangeboten, Literatur- und Filmempfehlungen sowie Materialien für Mitarbeitende in der Jugendarbeit.
URL: https://jugendhilfeportal.de/projekt/queere-jugend-berlinde
[Zuletzt abgerufen am: 11.08.2025].

7 Springer Medizin (2023): Suizidprävention für LGBTQ+-Jugendliche: Notwendigkeit, Modell und Zugänge.
URL: https://www.springermedizin.de/suizid/suizid/suizidpraevention-fuer-lgbtq-jugendliche-notwendigkeit-modell-un/26618180
[Zuletzt abgerufen am: 11.08.2025].

8 Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) & Bundeskriminalamt (BKA) (2024): Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*.
URL: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2024/12/lagebildlgbtqiplus.html
[Zuletzt abgerufen am: 11.08.2025].