Selbstverletzendes Verhalten – wenn Gefühle zu viel werden
Selbstverletzendes Verhalten – also wenn sich jemand absichtlich Schaden zufügt – ist ein suchtartiges und oft hartnäckiges Symptom psychischer Belastungen, das vorrangig Jugendliche betrifft. Etwa 25–35 % aller Jugendlichen haben sich schon einmal selbst verletzt1, die Tendenz ist steigend2. Bei rund 12 % wird das Verhalten repetitiv, die Betroffenen verletzen sich also immer wieder selbst3. Das klingt, als müsste es irgendwie helfen. Und mindestens für einen Moment tut es das auch. Für einen Moment wird der Kopf still.
Jeder Mensch erlebt von Zeit zu Zeit intensive Gefühle. Auch dir werden Situationen einfallen, in denen alles zu viel war. Vielleicht hast du dann jemanden angerufen, bist an die frische Luft gegangen oder hast Sport gemacht, bis sich deine Emotionen reguliert hatten und dein Kopf wieder klarer war. Zumindest sollte es so sein. Denn genau in solchen Momenten kommt es bei manchen Menschen zu selbstschädigendem Verhalten. Doch warum ist das so?
Ursachen von selbstverletzendem Verhalten
Die Gründe für selbstverletzendes Verhalten sind unterschiedlich. Gemeinsam haben sie vor allem, dass sie vom Umfeld oft missverstanden werden. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
- überfordernde innere Anspannung, mit der nicht gelernt wurde, gesund umzugehen
- Selbstbestrafung bei negativem Selbstbild und dysfunktionalen Glaubenssätzen („Ich verdiene Schmerzen“, „Ich darf mich nicht um mich kümmern“, „Ich muss meine Fehler kompensieren“)
- ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, das an anderer Stelle nicht erfüllt wird
- die Spiegelung des inneren Gefühlszustandes nach außen, um seelische Verletzungen sichtbar zu machen
- das Ausbrechen aus innerer Leere durch körperlichen Schmerz
- das Umwandeln seelischen Leids in körperliches, da dieses als vergänglicher erlebt wird
- bewusste „Verunstaltung“ des eigenen Körpers, um nicht mehr als schön oder attraktiv wahrgenommen zu werden
Die Gefahr der Suchtspirale
Diese und weitere Ursachen können zu selbstverletzendem Verhalten führen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass Selbstverletzung Suchtcharakter entwickeln kann. Bei körperlichen Verletzungen werden im Körper Endorphine freigesetzt, um Schmerzen zu lindern. Das kann einen kurzfristigen Beruhigungseffekt haben, wodurch das Suchtpotenzial entsteht.
Im Gehirn kann sich Selbstverletzung so als bevorzugte Bewältigungsstrategie etablieren. Das wird schnell gefährlich, denn mit der Zeit werden immer drastischere Verletzungen notwendig, um denselben beruhigenden Effekt hervorzurufen.
Auch die äußerliche Sichtbarkeit spielt für viele Betroffene eine große Rolle. Die gesellschaftliche Überzeugung, dass nur sichtbare, körperliche Verletzungen „echt“ und relevant seien, hält sich bis heute. Auch dadurch fühlen sich Betroffene teils gedrängt, ihr inneres Leiden zu veräußern. Als ich anfing, mich selbst zu verletzen, war ich überzeugt, kein Recht darauf zu haben, ohne einen körperlichen Beweis über seelische Belastungen zu sprechen. Zwar versteckte ich mein Verhalten, doch es ermöglichte mir erstmals die Frage „Geht es dir gut?“ ehrlich mit „Nein“ zu beantworten.
Selbstverletzendes Verhalten und Aufmerksamkeit: Ein missverstandenes Bedürfnis
Eines der bekanntesten Narrative rund um selbstverletzendes Verhalten ist die Annahme, Betroffene wollten „einfach“ Aufmerksamkeit erregen. Damit gibt es zwei grundlegende Probleme: Erstens trifft diese Aussage auf viele Betroffene nicht zu. Und zweitens ist auch ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ein valider Grund für Selbstverletzung.
Wer ein so großes Defizit an Interesse, Nähe und Zuwendung erlebt, dass er oder sie sich selbst Schaden zufügt, um diese zu erhalten, ist nicht zu verurteilen, sondern ernst zu nehmen.
„Du weißt aber schon, dass das nicht mehr weggeht?“ – Leben mit Narben
In der Regel sind sich Betroffene der langfristigen Konsequenzen ihres selbstverletzenden Verhaltens schmerzhaft bewusst. Wenn sie dennoch weiter darauf zurückgreifen, endet bei vielen Außenstehenden das Verständnis. Dabei geht oft verloren, in welcher akuten Not sich Betroffene in Momenten hoher Anspannung befinden.
Auch ich machte weiter, obwohl ich die potenziellen Konsequenzen längst kannte und teilweise selbst erlebt hatte. Wer das Gefühl hat, zu ertrinken, denkt nicht über die Schürfwunden nach, die ein rettendes Seil hinterlassen könnte. Und wer nicht weiß, wie er die nächsten fünf Minuten überstehen soll, hat keine Kapazität, über die Folgen seiner Handlungen in fünf Jahren nachzudenken.
Ja, meine Narben werden noch da sein, wenn ich älter bin. Aber ohne sie wäre ich vielleicht gar nicht älter geworden.
Über die Jahre habe ich viele Kommentare gehört – von Nachbar*innen, Ärzt*innen, Fremden auf der Straße und aus dem Internet. Unwissen, Beleidigungen, gut gemeinter Rat oder sogar Komplimente: alles war dabei. Am liebsten sind mir die Kommentare, die unausgesprochen bleiben. Narben sind nichts, wofür man sich schämen, was man verstecken oder rechtfertigen müsste. Sie müssen aber auch nicht schöngeredet werden. Weder sie noch der Grund ihrer Entstehung sind schön oder ästhetisch – und das ist in Ordnung. Sie dürfen einfach sein.
Was das erwachsene Umfeld wissen sollte
Selbstverletzendes Verhalten muss immer ernst genommen werden. Wunden oder die Handlung selbst sollten beim Ansprechen aber nicht im Vordergrund stehen. Wichtig sind behutsames Vorgehen und professionelle Unterstützung.
Dos im Umgang mit Betroffenen:
- nach dem aktuellen Befinden der Person fragen
- abklären, ob Suizidgedanken bestehen und wie akut diese sind
- nach belastenden Situationen im häuslichen oder schulischen Umfeld fragen
- offene Wunden versorgen (z. B. durch Schulsanitäter*innen), aber nicht kommentieren
- die Selbstverletzung selbst nicht bewerten oder hervorheben, sondern als Zeichen von Belastung ernst nehmen
- professionelle Hilfe mobilisieren, da selbstverletzendes Verhalten auf größere psychische Probleme hinweist
Selbstverletzendes Verhalten überwinden: Den Kreislauf durchbrechen
Um selbstverletzendes Verhalten zu behandeln, muss der Moment zur Emotionsregulation abgepasst werden, bevor der innere Druck zu groß wird. Bei extremer Anspannung fühlt sich eine andere Lösung nicht mehr möglich an, Panik und Stress übernehmen das Steuer.
Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene in der Therapie ein Repertoire an Skills (Strategien und Gegenstände, die die Sinne reizen und das Bewusstsein für den eigenen Körper stärken) parat haben. Diese sollten bereits bei niedriger Anspannung eingesetzt werden, um einem Steigen der Überforderung vorzubeugen. Für verschiedene Anspannungen können unterschiedlich intensive Skills genutzt werden; je früher die Anwendung beginnt, desto besser kann Eskalation vermieden werden.
Nicht jeder Skill funktioniert bei allen betroffenen Menschen gleich gut. Man muss also individuell austesten, was hilft und was nicht.
Skills können unter anderem sein:
- etwas Saures oder Scharfes bewusst schmecken (z. B. saure Bonbons oder Chili)
- kaltes Wasser über Gesicht und Unterarme laufen lassen
- einen Gegenstand mit fester Struktur intensiv berühren (z. B. Igelball oder rauer Stein)
- gezielte Atemübungen, bei denen das Ausatmen verlängert wird
- körperliche Reize wie schnelles Gehen, Treppensteigen oder Muskelanspannung
Doch dieses „Surfen der Anspannung“ muss gewollt sein. Der Weg weg von Selbstverletzung ist lang und häufig ambivalent. Eigenmotivation ist dabei entscheidend. Niemand kann gezwungen werden, damit aufzuhören. Ist der Wunsch nach Veränderung jedoch vorhanden, können Anspannungsmomente besser erkannt und gesunde Bewältigungsstrategien erlernt werden.
Wer sich selbst verletzt, ist weder unheilbar noch kaputt. Niemand muss in diesem Kreislauf gefangen bleiben. Gesunde Bewältigungsstrategien können erlernt, Narben akzeptiert und ein Leben kann aufgebaut werden, in dem man sich selbst mit Fürsorge begegnet. Wichtig ist, dass sowohl Betroffene als auch Angehörige daran glauben.
Literaturverzeichnis
1 DAK-Gesundheit (o. J.): Selbstverletzung bei Jugendlichen.
URL: https://www.dak.de/dak/gesundheit/psychische-gesundheit/psychische-erkrankungen/selbstverletzung-bei-jugendlichen_84830
[Zuletzt abgerufen am: 27.01.2026].
2 Psylex (o. J.): Selbstverletzendes Verhalten (SVV).
URL: https://psylex.de/stoerung/selbstverletzung/svv/#artikel1
[Zuletzt abgerufen am: 27.01.2026].
3 Plener, P. L. et al. (2023): Nonsuicidal self-injury in adolescents: Current state of research and clinical implications. European Child & Adolescent Psychiatry.
URL: https://link.springer.com/article/10.1007/s00787-023-02264-y
[Zuletzt abgerufen am: 27.01.2026].
4 Deutsches Ärzteblatt (o. J.): Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter.
URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/nichtsuizidales-selbstverletzendes-verhalten-im-jugendalter-f9e8ff45-917d-4188-aa68-1fd4c2f494c6
[Zuletzt abgerufen am: 27.01.2026].