Tag für Tag – Leben mit einem psychisch erkrankten Kind

11.06.2025 von Susen S.

Jeden Morgen die gleiche Sorge: Wird sie aufstehen? Wird sie es schaffen, sich anzuziehen, Zähne zu putzen und mit dem Bus zur Schule fahren? Wird sie guter Stimmung sein? Wird sie den ganzen Schultag schaffen? Bringt sie eine Freundin mit am Nachmittag? 1000 Dinge, die mir schon um 6:45 Uhr durch den Kopf schwirren.

Okay, aufstehen, positiv denken. Zimmertür öffnen. „Guten Morgen!“ Ich versuche, entspannt zu klingen. Im Kissenhaufen hebt sich ein Kopf. Eine Stimme sagt mir, dass es heute schwierig ist aufzustehen: Die Schule geht heute bis 15:50 Uhr. Wirken die Medikamente lang genug? Der Bauch tut auch weh. Ich motiviere mit freundlichen Worten, es doch zu versuchen. Beim dritten Anlauf bin ich schon nicht mehr ganz so nett. Doch zu Hause lassen? Schon wieder? Noch ein Versuch!

Sie steht auf, zieht sich an, putzt Zähne, nimmt ihre Tabletten. Mama! Ja, natürlich kann sie mich immer anrufen, und ja, heute geht es, ich kann sie in die Schule fahren.

Geschafft. Sie ist in der Schule. Ich gehe zur Arbeit. Hoffentlich klingelt die Smartwatch nicht, die ich mir extra angeschafft habe, um immer erreichbar zu sein. Arbeit lenkt ab, hilft. Normalität zu schaffen. Doch die nächsten Termine kreisen schon durch meinen Kopf. Ist heute Donnerstag? Mist! Heute Nachmittag muss sie zum Wiegen. Wie jede Woche seit der Klinik. Hoffentlich hat sie die 50 kg gehalten, darunter darf es nicht gehen, wegen der Medikamente.

Die Uhr und das Handy klingeln, mehr als vier Stunden schafft sie im Moment nicht. Ja, sie kann nach Hause gehen. Ich komme zwei Stunden später. Meine Arbeitszeit habe ich reduziert, um mehr Zeit zu haben, für sie und ihre Schwester und vielleicht auch noch für den Partner.

Wir gehen zu Fuß zum Arzt, um sie wiegen zu lassen. Frische Luft hilft vielleicht? Gewicht ist in Ordnung, die Überweisung zum EKG zur Kontrolle wegen der Medikamente muss ich mitnehmen. Wir kaufen noch schnell ‘was ein, aber schnell, sie ist müde und möchte sich ausruhen.

Zu Hause verschwindet sie in ihrem Zimmer. Ich biete an, gemeinsam ‘was zu spielen. Erstmal nicht. Tür zu. Dann höre ich Gekicher und Lachen, ein Telefonat mit einer Freundin. Ich entspanne mich zum ersten Mal. Kann ich heute Abend mit meinem Partner etwa schön essen gehen? Nein, vielleicht am Wochenende.

Gegen 19 Uhr sitzen wir alle am Tisch. Das Essen klappt heute gut, und danach spielen wir noch was zusammen. Sie lacht und wirkt für einen Moment entspannt und fröhlich. Ich wünsche ihr so sehr, dass sie das irgendwann immer mehr sein kann, und merke wieder: Egal, wie anstrengend die Tage sind: Dafür lohnt es sich…