Unsichtbare Päckchen im Klassenzimmer: Eine Buchrezension für Lehrkräfte mit Praxisbezug

10.06.2026 von Judith Junk

Nicht jedes Verhalten ist sofort erklärbar. Dieses Jugendbuch zeigt, was hinter Trauma stecken kann und gibt Denkanstöße für mehr Sicherheit im Schulalltag.

In jeder Schulklasse sitzen Kinder, die mehr mitbringen als Hausaufgaben und Pausenbrot: Erfahrungen, die wir nicht sehen – und oft auch nicht sofort verstehen. Traumatische Erlebnisse, Ängste oder stille Überforderung bleiben im Schulalltag leicht unentdeckt.

Dieses Buch ist ein eindrücklicher Anlass, genauer hinzusehen. Es zeigt, wie unterschiedlich „Päckchen“ aussehen können und warum es für Lehrkräfte so wichtig ist, diese zumindest ein Stück weit einordnen zu können.

 

Buchrezension zu „Alpakas, Agate und mein neues Leben“ von Erin Bow

Die amerikanisch-kanadische Autorin Erin Bow hat mit „Alpakas, Agate und mein neues Leben“, erschienen 2025 bei dtv, ein erstaunlich leichtfüßiges und absolut lesenswertes Jugendbuch über ein sehr schweres Thema verfasst: Simon ist gerade einmal zehn Jahre alt, als er als einziger seiner Klasse einen Amoklauf an seiner Grundschule in Omaha, Nebraska, überlebt. Das ist die Ausgangslage dieses fast vierhundert Seiten umfassenden Romans.

Um es direkt vorwegzunehmen: Die Schilderung des Amoklaufs kommt ohne Blut aus, erfolgt erst relativ spät und füllt mutmaßlich nicht einmal eine ganze Seite. Sie erklärt lediglich, warum Simon unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet.

Genau solche Hintergründe bleiben im Schulalltag oft unsichtbar – und zeigen sich eher durch Verhalten als durch offensichtliche Erzählungen.

Im Vordergrund des Romans steht, wie es der Titel bereits vermuten lässt, das neue Leben des Überlebenden Simon, weshalb auch die Zeit unmittelbar nach der Tat weitgehend eine Leerstelle bleibt: Er zieht knapp zwei Jahre später mit seinen Eltern, einem katholischen Diakon und einer Bestatterin, nach „Augen-zu-und-durch“, Nebraska. Diese Kleinstadt liegt in der sogenannten nationalen Ruhezone, wo Astrophysiker*innen seit über vierzig Jahren vergeblich versuchen, über Radioteleskope Signale von Außerirdischen zu empfangen. Damit die empfindlichen Messinstrumente der Wissenschaftler*innen nicht gestört werden, gibt es dort weder Internet noch Smartphones oder Fernseh- und Radioempfang. Dies ist ganz im Sinne der Familie: Niemand kann Simon und sein Schicksal googlen; der Junge und seine Eltern können unbeschwert neu beginnen. Als Grund für den Umzug erzählt Simon in seiner neuen Schule, dass Alpakas sie vertrieben hätten – nicht ganz gelogen, aber eben auch nur die halbe Wahrheit.

Simon lernt schnell Freunde kennen, die ebenfalls – ungleich kleinere – Päckchen zu tragen haben: Agate ist eine astrophysikalisch interessierte Autistin, die mit ihrer liebenswürdig-chaotischen Großfamilie sehr zufrieden auf einer kunterbunten Farm lebt, auf der Hunde und Angora-Ziegen gezüchtet werden. Der smarte Kevin ist Sohn eines philippinischen Cafébetreibers und einer Astrophysikerin, die ein Projekt in der Ruhezone leitet und sehr hohe Ansprüche an ihre beiden Kinder stellt, die sie kaum erfüllen können. Was hier literarisch erzählt wird, ist im Kern eine Realität vieler Klassen: Jedes Kind bringt eigene Voraussetzungen, Belastungen und Bedürfnisse mit.

Zunächst erzählt Simon nichts von seiner Vergangenheit. Durch therapeutische Begleitung hat er gelernt, bei Flashbacks oder Ängsten bestimmte Atemübungen anzuwenden, die ihm tatsächlich helfen. Agate, die gelegentlich en passant pointierte philosophische Aphorismen über die Zeit äußert, stellt ihm darüber hinaus einen besonderen Therapeuten zur Seite: Hercules, einen Welpen, der Assistenzhund werden soll und aus der Zucht ihrer Familie stammt.

Gemeinsam erleben die Freunde mehrere kleine und ein großes, skurriles Abenteuer: Sie planen, mithilfe einer heimlich von Kevins Mutter entwendeten Mikrowelle, den Wissenschaftler*innen ein „außerirdisches“ Signal zu senden, damit diese nicht allzu frustriert ins All lauschen müssen. Der Weg bis dorthin ist gespickt mit sehr humorvollen Herausforderungen, die teils auf den Beginn des Lebens (Ziegenzucht) und teils auf das Ende des Lebens (Bestattungsunternehmen) gerichtet sind. Kurz bevor am Ende alles gut wird, ist Simon gezwungen, sich seinen Freunden zu offenbaren und sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und lernt schließlich, sie in sein neues Leben zu integrieren.

 

Warum dieses Buch besonders für Schulen relevant ist

Ich wünsche mir für dieses Buch, dass es trotz seines Umfangs von fast 400 Seiten und trotz der Übersetzung aus dem Englischen (für viele Deutsch-Lehrkräfte ein Ausschlusskriterium) und gerade wegen des Themas den Weg in die Mittelstufen findet. Denn wir vergessen bisweilen, dass mutmaßlich in jedem Klassenzimmer Kinder mit einer PTBS sitzen könnten: Sie haben z. B. Kriege, Fluchterfahrungen, Gewalt und Unfälle überlebt. Genau hier entsteht oft Unsicherheit: Was steckt hinter Verhalten? Und wie reagiere ich als Lehrkraft angemessen?

Bisherige Lektüren stellen oft die traumatischen Erfahrungen in den Vordergrund. Das ist hier anders: Der Plot ist typisch für ein gelungenes, spannendes Jugendbuch und handelt vom Zauber der echten Freundschaft. Der Schreibstil ist locker-flockig und gut geeignet ab der 7. Klasse. Die Übersetzung ist herausragend, die vielen Wortwitze und Sprachspiele von Erin Bow, die ursprünglich Teilchenphysikerin war und merklich weiß, wovon sie schreibt, wurden übernommen. Running Gags wie „Nenn mir das Ekligste“ oder „Fun facts“ sowie Referenzen auf beliebte Computerspiele wie Minecraft und Filme wie Star Trek holen auch Schüler*innen ab, die nicht gerne lesen, und lassen die Clique authentisch wirken. Die Personen sind präzise gezeichnet und durchweg sympathisch – man wäre gerne mit Simon, Agate und Kevin befreundet und hätte auch gerne Eltern wie sie. Das Gedankenexperiment, wie es sich wohl ohne Internet und Smartphone lebt, könnte allein eine ganze Unterrichtseinheit füllen.

Daher empfehle ich dieses anrührende, humorvolle und bedeutsame Buch klar entweder als Klassenlektüre ab Klasse 7 oder als Individuallektüre, auch schon für den Vorlesewettbewerb in Jahrgang 6.

Dieses Buch kann ein wertvoller Türöffner sein. Für Gespräche im Unterricht, aber auch für einen Perspektivwechsel: weg vom reinen Verhalten, hin zu dem, was daniederliegen könnte. Gleichzeitig zeigt es, wie groß die Bandbreite an psychischen Belastungen im Schulkontext ist – und wie schwer es sein kann, diese im Alltag sicher einzuordnen.

Die Fortbildungen von tomoni setzen genau hier an: Sie helfen Lehrkräften dabei, ein besseres Verständnis für unterschiedliche psychische Belastungen zu entwickeln und geben konkrete Orientierung, wie man im Schulalltag sensibel und handlungssicher reagieren kann. Denn am Ende gilt: Jedes Kind bringt sein eigenes Päckchen mit – und ein Stück mehr Klarheit kann den entscheidenden Unterschied machen.

 

Erin Bow – Alpakas, Agate und mein neues Leben
aus dem Englischen von Ute Mihr
dtv Reihe Hanser, April 2025
Gebundene Ausgabe, 395 Seiten, 16,00 €