Was eine Anorexie den Betroffenen gibt – und nimmt
„Ein paar Kilo weniger wären jetzt toll.“
„Die Person da drüben ist ja schön. So dünn wäre ich auch gerne.“
„Vor dem Sommer sollte ich noch etwas abnehmen.“
Solche oder ähnliche Gedanken kennt nahezu jede*r. Viele Menschen sorgen sich regelmäßig um das eigene Gewicht, kaum jemand ist mit seiner äußeren Erscheinung wirklich zufrieden. Bei einigen Menschen wird die Beschäftigung mit Gewicht und Essverhalten jedoch derart zur Obsession, dass sie eine Essstörung, wie beispielsweise die Anorexie, entwickeln können.
„Die Anorexie ist eine der tödlichsten psychischen Erkrankungen“
Im Jahr 2023 wurden in Deutschland über 12.000 Menschen aufgrund einer Anorexie stationär behandelt.1 Die Zahl der Betroffenen zwischen 12 und 17 Jahren, die stationär behandelt wurden, hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt.2 Ist die Anorexie auch bei weitem nicht die häufigste Essstörung, so ist sie doch extrem gefährlich und mit unzähligen gravierenden körperlichen und psychischen Folgen verbunden. Nur etwa 51 % der Betroffenen werden nach einer Behandlung wieder ganz gesund. Weitere 21 % erreichen zwar eine Besserung, werden aber die Erkrankung nicht vollständig los, während 10 % krank bleiben.3 Anorexie gehört zu den tödlichsten psychischen Erkrankungen - Betroffene sterben rund fünfmal häufiger als Gleichaltrige4 und eine frühe Behandlung ist für den Verlauf wichtig.5
Warum die Essstörung viel mehr ist als „nicht essen“
Betroffene einer Anorexie (med. Anorexia Nervosa) essen restriktiv und eingeschränkt, bauen Rituale und Regeln in ihre Mahlzeiten ein und achten akribisch auf kleinste Veränderungen ihres Körpers und des Gewichts. Damit geht sozialer Rückzug einher, ein übermäßiges Kontrollbedürfnis und zahlreiche körperliche Folgen, die durch die Mangelernährung eintreten können. Und trotzdem ist die Erkrankung so viel mehr als ihre körperliche Komponente. Das wird häufig übersehen. Warum bei einer Anorexie das Essen nicht das eigentliche Problem ist, werde ich aus meiner Sicht als Betroffene versuchen zu erklären.
Am besten zu verstehen ist es, wenn man sich die Anorexie wie eine Sucht vorstellt. So wie andere Menschen zu Drogen oder Alkohol greifen, nutzen Betroffene Essen und Bewegung, um mit inneren Konflikten umzugehen. Kurzfristig bringt das große Erleichterung, manchmal geradezu eine Euphorie. Besonders am Anfang meiner Erkrankung habe ich mich erleichtert, fast frei gefühlt. Das hat aber zwangsläufig ein Ende, denn wird das Verhalten zu oft wiederholt, gelangt man in einen destruktiven Kreislauf, der für die innere Atempause immer extremere Restriktionen verlangt. Viele Betroffene isolieren sich, um ihre krankhaften Routinen nicht unterbrechen zu müssen. So werden Kontakte vernachlässigt, oft als bedrängend oder sogar gefährlich wahrgenommen. Eigentlich habe ich so oft Hilfe gebraucht, mich alleine gefühlt, Angst gehabt. Aber mitteilen konnte ich mich nicht. Nur die Essstörung empfand ich als konstant und verlässlich.
Und doch geht es bei alledem nicht wirklich um Essen, Gewicht oder Kalorien. Die Symptome sind das Spielfeld, auf dem innere Konflikte ausgetragen werden, für die es sonst keinen Weg an die Oberfläche gibt. Sie sind also der sichtbare Ausdruck tieferliegender Probleme. „Probleme" bewusst im Plural, denn Essstörungen sind multifaktoriell, entstehen aus einer Vielzahl von Gründen und manchmal auch genetischer Veranlagung. Eine Anorexie erfüllt immer eine Funktion, wobei diese bei Betroffenen ganz unterschiedlich sein kann. Auf einige möchte ich näher eingehen.
Die Funktionen der Anorexie
Zentral ist häufig die Kontrollfunktion. Wir leben in einer sich ständig verändernden Welt, haben auf wenig Einfluss, über kaum etwas totale Kontrolle. Auch für mich haben die Ereignisse in der Welt eine Rolle gespielt. Oft fühle ich mich, als könne ich nichts tun. Nur zusehen, was für Katastrophen geschehen. Was und wie viel wir essen, ist dagegen allein unsere Entscheidung. In einem Leben, das sich in einem Herzschlag verändern kann, kann sich diese Art von Kontrolle beruhigend konstant anfühlen.
Manchen Betroffenen dient die Erkrankung regelrecht als Zeitstopper oder sogar -umdreher. Ein vermeintlicher Ausweg, wenn es unmöglich scheint, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Nicht selbstständig essen zu können macht bedürftig. Die Gewichtsabnahme kann körperliche Entwicklung aufhalten oder sogar umkehren.
Die Anorexie kann auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Autonomie erzeugen, eine unausgesprochene Grenze darstellen. Für mich war es ein Weg, immer ein Stück Handlungsfähigkeit zu erhalten. Die Kontrolle des eigenen Hungers ist eine Leistung, oft fühlen sich Erkrankte, als wären sie „endlich mal richtig gut in etwas”. Wenn Abgrenzung schwerfällt, kann die Essstörung greifen - niemand kann zum Essen gezwungen werden, es gehört alleine einem selbst.
Eine weitere Funktion kann die Beschäftigung mit Essen selbst sein. Diese ist für Betroffene dann weniger Konsequenz der Erkrankung als vielmehr ihr Zweck. Obsessiv Mahlzeiten zu planen und den Kopf mit Kalorien und Zahlen zu füllen, lenkt ab. Es bleibt weniger Raum für angstvolle Themen, die ohne konstante Ablenkung bedrängend werden.
Weitere Funktionen können sein:
- Keinen Raum einnehmen zu wollen bzw. das Gefühl haben, zu viel zu sein
- Selbstbestrafung bei negativen Glaubenssätzen („Ich verdiene kein Essen”)
- Kommunikation des seelischen Zustands nach außen, wenn man sich anders nicht gehört fühlt
- Emotionen betäuben, die sich sonst nicht aushaltbar anfühlen
- Unselbstständig bleiben, wenn erwachsen werden zu viel Angst macht
Diese Punkte sind eine Auswahl, auch andere Funktionen können eine Rolle spielen.
Wichtig ist, dass Betroffene das nicht bewusst wählen. Die Anorexie ist keine Entscheidung, sondern eine schwere Erkrankung, die nicht in ihrem Ausmaß kalkulierbar ist, wenn man anfängt, weniger zu essen. Sie bedeutet konstante innere Spannung und vor allem unendliche Einsamkeit. Diese Art des Lebens hat einen riesigen Preis. Nur wer vor der Alternative noch größere Angst hat, bleibt in so einer Dynamik.
Der Weg aus der Krankheit
Der Weg aus einer Anorexie ist oft lang, braucht viel Geduld und nicht selten mehrere Anläufe. Dabei ist frühe Intervention und Behandlung essenziell. Je länger die Krankheit andauert, desto schwieriger ist die Behandlung und geringer die Chance auf Genesung. Entscheidend ist außerdem die Eigenmotivation, die Betroffene mitbringen. Es ist meist wenig produktiv, jemanden mit rationalen Argumenten zum Essen überreden zu wollen oder eine Liste körperlicher Konsequenzen der Mangelernährung aufzuzählen (auch wenn ein Wissen um diese natürlich wichtig ist).
In jedem Fall ist professionelle Unterstützung wichtig. Freunde und Familie, so wertvoll sie auch sind, ersetzen keine therapeutische Hilfe, sollten das auch nicht stemmen müssen. Mit einer Therapie kann eine Normalisierung des Essverhaltens in Angriff genommen und der Hintergrund der Essstörung bearbeitet werden. Einen eigenen Raum für meine ungefilterten Gedanken und Gefühle zu haben, hat für mich einen riesigen Unterschied gemacht.
Wenn man sich um jemanden sorgt und das ansprechen möchte, würde ich empfehlen, nicht primär eine Veränderung des Körpers bzw. des Gewichts anzusprechen, sondern erstmal allgemein zu fragen, wie es der betroffenen Person geht. Wenn man seinen Eindruck schildern möchte, kann man sich auf die Ausstrahlung der Person beziehen. Zum Beispiel:
„Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit sehr müde wirkst”
„Ich habe das Gefühl, dir geht es nicht gut. Gibt es etwas, worüber du reden möchtest?”
„Du scheinst dich aktuell ziemlich zurückzuziehen. Wie geht es dir?”
Auch wenn ich es nicht immer ganz zeigen konnte: Ich habe jede Nachfrage und jedes verständnisvolle Wort unfassbar geschätzt. In meiner Situation gesehen zu werden, hat mir das Gefühl gegeben, die Verbindung zur Welt nicht ganz verloren zu haben.
Typischerweise geht die Anorexie mit einer hohen Ambivalenz gegenüber einer Besserung einher. Hilfe wird oft erst angenommen bzw. gesucht, wenn der Leidensdruck oder körperliche Symptome unerträglich werden. Man kann aber auf einige Dinge achten, die es Betroffenen leichter machen. Unter anderem:
- Normales, nicht restriktives Essverhalten vorleben
- Keine Kommentare zu Körper oder Gewicht – auch nicht zum eigenen
- Erkrankte mehr für Anstrengung und Bemühung loben als für erbrachte Leistung
- Äußere Besserung niemals mit innerer gleichsetzen
Der zuletzt genannte Punkt ist besonders wichtig. Gesünderes Essverhalten und körperliche Stabilisierung heißen nicht, dass Betroffene sich besser fühlen. Das Gegenteil ist oft der Fall, weil sie wieder mit Gefühlen konfrontiert werden, die sie durch das restriktive Essverhalten auf Abstand halten konnten. Deshalb ist entscheidend, dass sie sich auch im Prozess der Besserung ernst genommen und in ihrem Leid gesehen fühlen.
Essstörungen sind komplex und kein Umfeld sollte den Anspruch haben, sich in jeder Situation perfekt zu verhalten. Erkrankten ist oft die größte Hilfe, sich in ihrer Not gehört und ernst genommen zu fühlen, ohne etwas beweisen zu müssen. Wenig ist heilsamer als ein verständnisvolles Ohr.
PS: Mehr zum Thema Essstörungen findest du in der Podcastfolge „Essstörungen: Marthas Weg aus der Anorexie“.
Für alle an weiterführenden Schulen Tätigen bietet tomoni.schools zudem ein Fortbildungsmodul zum Thema Essstörungen an.
Literaturverzeichnis
1 Statista (o. J.): In Krankenhäusern diagnostizierte Fälle von Anorexie und Bulimie.
URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/219152/umfrage/in-krankenhaeusern-diagnostizierte-faelle-von-anorexie-und-bulimie/
[Zuletzt abgerufen am: 01.06.2026].
2 Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025): Pressemitteilung vom 23.08.2025 zu Anorexie und Bulimie.
URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_N041_231.html
[Zuletzt abgerufen am: 01.06.2026].
3 Löwe, B.; Zipfel, S.; Buchholz, C.; Dupont, Y.; Reas, D. L.; Herzog, W. (2001): Long-term outcome of anorexia nervosa in a prospective 21-year follow-up study.
URL: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11459385/
[Zuletzt abgerufen am: 01.06.2026].
4 Lai et al. (2026): Systematic Review and Meta-Analysis of Mortality in Patients With Anorexia Nervosa. International Journal of Eating Disorders.
URL: https://doi.org/10.1111/eat.70002
[Zuletzt abgerufen am: 01.06.2026].
5 Austin et al. (2021): Duration of untreated eating disorder and relationship to outcomes: a systematic review of the literature. European Eating Disorders Review, 29(3), 329–345.
URL: https://doi.org/10.1002/erv.2745
[Zuletzt abgerufen am: 01.06.2026].