Was sich Jugendliche von ihren Eltern wünschen
Im Rahmen des 5. Frankfurter Schul-Suizidpräventionstages 2025 im September ist ein offener Brief entstanden. Teilnehmende Schüler*innen haben gemeinsam formuliert, was sie sich von Eltern im Umgang mit mentaler Gesundheit wünschen.
Der Brief fasst ihre Gedanken zusammen und ist eine Bitte um Dialog. Mehr noch, er ist ein Geschenk, das wir annehmen können. Es erfordert Mut von den Jugendlichen, die eigenen Bedürfnisse so klar auszusprechen und sich gegenüber uns Erwachsenen verletzlich zu zeigen. Wir möchten dieses Geschenk mit euch teilen, damit auch ihr die Gelegenheit habt, an diesen Gedanken teilzuhaben.
Und für mich habe ich wieder mitgenommen: Jede*r von uns kann beim Thema psychische Gesundheit einen Unterschied machen. Und dafür Verständnis zu haben, dass es für alle ein Lernprozess ist. Darum lasst uns hinschauen, zuhören und gemeinsam unser Bestes geben.
Der offene Brief
Ein Blick auf die Realität:
- Psychische Erkrankungen betreffen rund 20 % aller Kinder und Jugendlichen.
- Bei über der Hälfte aller betroffenen Erwachsenen beginnt die Erkrankung bereits vor dem 15. Lebensjahr.
- 90 % aller Suizide stehen im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung.
- Alle 51 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch durch Suizid.
- Im Jugend- und jungen Erwachsenenalter ist Suizid die häufigste Todesursache.
- Bis zu 135 Menschen sind von jedem Suizid betroffen.
Aber psychische Erkrankungen sind behandelbar – und Suizide können dadurch verhindert werden. Prävention und Therapie können Leben retten.
Hört uns zu
Unser größtes Anliegen: Wir Jugendlichen möchten gehört und ernst genommen werden. Wenn wir Belastungen äußern, brauchen wir Unterstützung, denn aus psychischen Erkrankungen wächst man nicht einfach heraus, auch nicht, wenn die Pubertät vorbei ist. Je früher wir Hilfe erhalten, desto besser stehen unsere Chancen, gesund zu werden.
Wenn wir mit euch sprechen, wünschen wir uns von euch ungeteilte Aufmerksamkeit. Bitte hört uns unvoreingenommen und nicht verurteilend zu. Glaubt unseren Erfahrungen, auch wenn ihr diese selbst nicht gemacht habt. Unterstellt nicht automatisch Kritik an euch. Sätze wie „Dann mache ich wohl alles falsch” lassen uns verstummen.
Ihr müsst nicht immer direkt eine Lösung anbieten. Lasst uns einfach nicht allein mit dem Problem. Eine kleine Rückfrage kann helfen: „Möchtest du gerade einen Rat, oder soll ich einfach da sein und zuhören?“
Belastungen sind real
Die Schwierigkeiten, von denen wir erzählen, sind echt. Berichte über Antriebslosigkeit, Ängste oder andere Belastungen sind keine Ausreden, sondern reale Probleme, mit denen ein Fünftel aller Schüler*innen täglich konfrontiert ist.
Manchmal erfordern nicht nur Fieber oder Schmerzen eine Pause, sondern auch psychische Erschöpfung. Indem ihr mit uns zu Hause offen über mentale Gesundheit sprecht, helft ihr uns zu lernen, auf unsere Grenzen zu achten.
Bitte unterstellt keine böse Absicht, wenn wir uns zu etwas nicht imstande fühlen. Psychische Belastungen und Erkrankungen können jeden treffen. Auch den extrovertierten Jugendlichen, der gute Noten schreibt und sich mit Freunden trifft.
Eine gute initiale Reaktion auf eine mitgeteilte Belastung ist maßgeblich für unser Vertrauen in euch.
Begleitet uns
Wenn sich psychische Belastungen zu einer Erkrankung entwickeln, braucht es professionelle Hilfe. Elterliche Unterstützung ist wichtig, ersetzt aber keine Therapie. Bitte begleitet uns bei der Suche nach psychiatrischer bzw. psychotherapeutischer Behandlung und bleibt auch anschließend mit uns im Austausch. Wir brauchen euch. Bitte informiert euch auch eigenständig über die Erkrankung, um uns besser verstehen zu können.
Sollte euch unsere Situation zu sehr belasten, dann sucht euch bitte selber professionellen Rat. Als Elternteil gut auf sich aufzupassen, hilft allen Beteiligten.
Wir lernen von euch
Euer Umgang mit euch selbst prägt uns. Vielen Eltern ist nicht bewusst, wie sehr Selbstkritik von ihren Kindern übernommen wird. Wir lernen zuerst von euch – auch, wie man über sich selbst spricht.
Sprache macht einen Unterschied
Über unsere psychische Verfassung zu sprechen, ist nicht einfach. Viele von uns zögern, sich an Erwachsene zu wenden, aus Angst, dass unser Erleben infrage gestellt oder kleingeredet wird. Respektvolle Sprache kann hier einen entscheidenden Unterschied machen, denn Worte sind nicht egal. Manche Begriffe tun weh, andere geben Halt. Deshalb:
„Selbstverletzen“ statt „Ritzen“ – „Ritzen“ beschreibt nur eine spezifische Form und wirkt abwertend. „Selbstverletzen“ ist neutraler und umfasst alle Arten von selbstschädigendem Verhalten.
„Anorexia Nervosa“ statt „Magersucht“ – Der Begriff „Magersucht“ steckt Betroffene in eine Schublade. Nicht alle sind mager oder dünn, und das Aussehen ist nicht der Kern der Krankheit. „Anorexia Nervosa“ bzw. „Anorexie” ist der medizinisch korrekte und neutralere Begriff.
„Suizid“ statt „Selbstmord“ – Ein Suizid ist kein Mord, und ein Mensch, der durch Suizid stirbt, ist kein Mörder. „Selbstmord" klingt verurteilend und platziert die Schuld bei dem/der Betroffenen statt bei der Erkrankung. „Suizid" ist respektvoller.
Gemeinsame Schritte sind wichtig
Wenn ihr nach der passenden Hilfe für uns sucht, sprecht euch bitte gut mit uns ab und entscheidet mit uns gemeinsam. Unser Bauchgefühl ist mindestens genauso wichtig wie die ärztliche Einschätzung.
Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen ihr handeln müsst – auch wenn wir das nicht wollen. Unsere Sicherheit steht an erster Stelle. Das wissen wir.
Bleibt auch da, wenn es besser wird
Wenn sich unsere Symptomatik verbessert, erleben viele von uns etwas extrem Schmerzhaftes: Plötzlich fragt niemand mehr nach. So entsteht unbewusst die Verknüpfung, nur im Kranksein Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen. Und das macht es schwer, alte Muster loszulassen.
Deshalb unsere große Bitte: Bleibt auch auf dem Weg der Besserung präsent. Gerade dann.
Ein offenes Ohr ist so viel wert
Wir Kinder und Jugendliche wünschen uns in Krisen Begleitung, nicht Distanz. Das Wichtigste, was ihr als Eltern für uns tun könnt, ist uns zuzuhören und das Gehörte ernst zu nehmen. Sprecht mit uns, fragt nach, ohne eine bestimmte Antwort zu erwarten, und lasst uns wissen, dass wir bei euch immer Gehör finden werden. Ihr könnt helfen.
Gemeinsam statt einsam: Es braucht das ganze Dorf
Der offene Brief der Jugendlichen macht eines deutlich: Wir Eltern müssen keine Therapeut*innen sein. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, der sichere Hafen zu bleiben, der Ort, an dem Schmerz ausgesprochen werden darf, ohne dass er von uns sofort „weggemacht“ werden muss.
Psychische Gesundheit ist kein Thema, das man hinter verschlossenen Türen lösen kann. Es braucht das ganze Dorf: mutige Jugendliche, aufmerksame Eltern, informierte Lehrkräfte und ein stabiles professionelles Netzwerk.