Was tun, wenn Schüler*innen über eigene Missbrauchserfahrungen und psychische Probleme sprechen? – Erfahrungen einer Lehrkraft

23.04.2025 von Christiane S.

Die Antwort einer Schülerin auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“: „Mein Freund schlägt mich und ich bin schwanger.“ Ich war gerade mit dem Referendariat fertig und wollte die Notenbesprechung mit einem persönlichen Einstieg beginnen. Persönlich war der Einstieg – für mich – auf eine schockierende Art und Weise. Denn ich hatte mit meiner vermeintlich einfachen Frage die Büchse der Pandora geöffnet.

Im Referendariat hatten wir über solche oder ähnliche Situationen gesprochen – jedoch nur hypothetisch. Und mir war klar: Natürlich gibt es Schüler*innen mit persönlichen Problemen. Nun aber sah ich mich ohne jede Vorwarnung mit einem realen Fall konfrontiert. Es fühlte sich an wie Schwimmen lernen im eiskalten Wasser, ohne jegliche Hilfe, das rettende Ufer bzw. der Beckenrand unerreichbar.

Schüler*innen vertrauen sich an: Wie Lehrkräfte angemessen reagieren können

Als Lehrkraft habe ich in dieser Situation – zum Glück – richtig gehandelt und die Schülerin in Absprache mit der Schulleitung an unseren sozialpädagogischen Dienst und das Frauenhaus verwiesen, die auch über notwendige juristische Maßnahmen aufklären.

Mich hat die Situation aber noch sehr lange begleitet… Dass sich Schüler*innen mit traumatischen Erfahrungen wie dieser oder anderen schweren psychischen Belastungen ihren Lehrer*innen gegenüber öffnen, kommt zunehmend häufiger vor. Viele Kinder und Jugendliche haben oft keine anderen Personen, denen sie sich anvertrauen können. Umso wichtiger ist es, dass diese schulischen Vertrauenspersonen auf solche Situationen vorbereitet sind, um wirklich hilfreich und nicht nur „auf gut Glück“ reagieren zu können.

Immer mehr stationäre Behandlungen aufgrund psychischer Erkrankungen

Mentale Probleme haben in den letzten Jahren generell, aber auch unter jungen Menschen, stark zugenommen. Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen sind nach Verletzungen und Vergiftungen mittlerweile die zweithäufigste Ursache für stationäre Krankenhausaufenthalte von Kindern und Jugendlichen. Am häufigsten werden junge Menschen wegen Depressionen stationär behandelt.1

All diesen jungen Menschen begegnen wir als Lehrer*nnen jeden Tag: Wie viele junge Menschen in unseren Klassen leiden im Stillen? Auch dies könnte man statistisch ausrechnen. Was helfen jedoch all diese Statistiken, wenn wir das Problem nicht erkennen? Was hilft uns eine Statistik, wenn wir massiv überfordert sind und wenn wir uns (erstmalig) mit einer Situation konfrontiert sehen, wie sie mir infolge einer vermeintlich einfachen Frage erschien?

Fortbildungen helfen, Warnzeichen zu erkennen

Die Fortbildungsreihe von tomoni.schools hat mir dabei geholfen auch Warnhinweise für psychische Leiden bei Schüler*innen wahrzunehmen, die mit ihren psychischen Problemen nicht auf mich zukamen. In der Fortbildung lernte ich mehr über verschiedene Erkrankungen und, wie man diese erkennen kann. Außerdem hat sie mich darauf vorbereitet, mit betroffenen Schüler*innen in einen Dialog zu treten.

Professionelle Distanz bewahren

… zurückkommend auf mein Beispiel zu Beginn: Im Resümee freue ich mich darüber, dass die Schülerin sich mir gegenüber offen zeigte und den Mut hatte, mir die prekäre Situation, in der sie sich befand und die sie – wie für uns nachvollziehbar – äußerst belastete, zu schildern. Es ist kein einfacher Schritt, sich jemandem anzuvertrauen, besonders wenn man mit so schweren persönlichen Problemen zu kämpfen hat.

Das Vertrauen, das Schüler*innen ihren Lehrer*innen schenken, ist wertvoll und darf niemals als selbstverständlich angesehen werden. Es erinnert mich daran, welche Verantwortung wir tragen und wie wichtig es ist, ein offenes Ohr für die uns anvertrauten Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden zu haben.

Wir können Statistiken zitieren, hypothetisch über Fälle sprechen und diese diskutieren. Und doch kommt irgendwann der Tag, an dem wir mit der Realität konfrontiert werden. Dann sind wir plötzlich in einer Situation, die weit über das hinausgeht, was wir uns in der Theorie ausgemalt haben. In meinem Fall nahm ich das Erlebte mit nach Hause. Ich habe mit meinem Partner darüber gesprochen und mit Kolleg*innen. Reden hilft. Diese Gespräche gaben mir den Raum, meine Gedanken zu ordnen und meine eigenen Gefühle zu verarbeiten.

Fazit: Wie können Lehrkräfte Schüler*innen helfen?

Was wichtig für mich war: professionelle Distanz zu lernen. Und Lernen braucht Zeit. Heute gelingt mir das besser. Unter professioneller Distanz verstehe ich „Handeln nach bestem Wissen und Gewissen“, ohne mich emotional zu verlieren.

Handeln, das bedeutet, den Schüler*innen konkrete Hilfsangebote zu machen und ihnen mögliche Wege aufzuzeigen. Es bedeutet, klar und strukturiert zu handeln, ohne den emotionalen Ballast auf sich zu laden. Wissen, wie man in solchen Situationen verfährt, erwirbt man durch Fortbildungen, Gespräche mit erfahrenen Kolleg*innen und das Reflektieren eigener Erfahrungen. Dieses Wissen ist wichtig, aber es ist nur ein Teil der Lösung. Und damit komme ich zum nicht zu vernachlässigenden „besten Gewissen“. Ich rate und unterstütze, soweit ich es verantworten kann, alles Weitere entzieht sich meinem Einfluss.

Denn auch die beste Hilfe kann nur dann wirken, wenn sie auch angenommen wird. Und das ist etwas, das wir als Lehrkräfte nicht erzwingen können. Ob meine Schülerin die Hilfe angenommen hat, lasse ich bewusst offen, und das ist in Ordnung. Es ist ihre Entscheidung. Unsere Aufgabe ist es, die Tür zur Hilfe immer offen zu halten, auch wenn sie nicht sofort durch diese Tür gehen können oder wollen.

Es gibt jedoch auch Fälle, in denen sofortiges Handeln erforderlich ist. In solchen Situationen müssen wir die notwendigen Schritte einleiten, denn das Wohl der Jugendlichen steht an erster Stelle.

Trotzdem müssen wir uns daran erinnern, dass wir Lehrer*innen keine Therapeut*innen sind. Unsere Aufgabe ist es, Anzeichen ernst zu nehmen und zu erkennen, wenn etwas nicht stimmt, Unterstützung zu leisten und die richtigen Stellen zu kontaktieren. Doch die therapeutische Arbeit liegt außerhalb unseres Verantwortungsbereichs.

Zusammenfassend hoffe ich, dass ich trotz meiner Bemühungen, eine professionelle Distanz zu wahren, dennoch empathisch und nahbar für meine Schüler*innen bleibe. Es ist mir wichtig, dass sie wissen, dass sie sich mir anvertrauen können, wenn sie es möchten. „Wie geht es Ihnen?“, das frage ich heute noch immer bewusst und mit echtem Interesse, denn diese einfache Frage kann den entscheidenden Unterschied machen.

 

Literaturverzeichnis

1 Statistisches Bundesamt (Destatis): Psychische Erkrankungen waren 2022 die Ursache für 19 % der Krankenhausbehandlungen von 10- bis 17-Jährigen.
URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2024/PD24_32_p002.html /
[zuletzt abgerufen am 19.02.2025].