Was, wenn der Fehler im System liegt?
Von der Schwierigkeit, individuelles Engagement und Systemmängel auszubalancieren...
Das System Schule in der Kritik
Jeder vierte Heranwachsende leidet unter schulischem Leistungsdruck, jeder fünfte fühlt sich psychisch sehr belastet. Das zeigt das im November 2024 veröffentlichte „Deutsche Schulbarometer“, eine repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung.1 Macht die Schule, wie seit längerem zahlreiche Medienartikel titeln, psychisch krank?
Fakt ist: 25 % der psychischen Erkrankungen brechen im Jugendalter aus.2 Unser Schulsystem scheint diesen hohen Prozentsatz u. a. durch das permanente Erzeugen von Zeitdruck, Stress und Bewertungssituationen mitzuverschulden.83
Der meistgehörte deutsche Schul-Podcast des Lehrers Bob Blume lautet „Die Schule brennt“.4 Und sie brennt, so möchte man meinen, an allen Ecken und lichterloh:
- marode Schulgebäude
- Lehrkräftemangel und hohe Arbeitsbelastung für Lehrkräfte
- Einsatz veralteter Pädagogik
- fehlende Ressourcen, insbesondere in Schulen mit hoher Diversität und sozialen Herausforderungen
Die Leidtragenden sind, vor allen anderen, die Schüler*innen.
Daher sind sich Wissenschaftler*innen wie John Hattie5, Eltern und Lehrkräfte darin einig, dass Schulen dringend reformbedürftig sind, strukturell wie inhaltlich. Nur: Es fehlt der Politik an Geld und den Schulen an Ressourcen – und vielleicht auch an innovativen Ideen, um den ganz großen Wurf zu gestalten.
Eine direkte Folge ist, dass Privatschulen – teilweise mit zweifelhaftem weltanschaulichem Konzept und unterschiedlicher Qualität – boomen6, da die Eltern sich hier mehr individuelle Unterstützung für ihre Kinder erhoffen – und sie manchmal auch erhalten. Ein Aufatmen bei denjenigen, die es sich leisten können.
Widersprüche ausbalancieren: Der Begriff der Gleichzeitigkeit
Mache ich mich als Lehrkraft an einer staatlichen Schule also zum Handlanger eines Systems, das die Psyche unseres Nachwuchses belastet?
Ich finde: Nein. Denn trotz aller Strukturschwächen schließt das System Schule schülerzentriertes Unterrichten und selbstgesteuertes Lernen nicht aus. Ich kann gleichzeitig Teil des Systems sein UND die psychische Gesundheit und Resilienz der mir anvertrauten Schüler*innen fördern.
Denn die Faktoren, die Hattie für einen gewinnbringenden Unterricht ausgemacht hat, beeinflussen nicht nur das Lernen positiv, sondern können gleichzeitig auch die psychische Gesundheit der Lernenden fördern. Zudem sind sie gratis zu haben – aber nicht umsonst. Nur: Ich muss sie kennen und auch umsetzen; am besten gemeinsam meinen Kolleg*innen:
- eine lernförderliche Atmosphäre in der Schulgemeinschaft und im Klassenzimmer schaffen
- den Schüler*innen Mitbestimmung ermöglichen, z. B. durch Klassenrat, eine lebendige SV, aber natürlich auch durch selbstgesteuertes Lernen
- regelmäßig formatives, also prozess-begleitendes, Feedback einholen und geben, um Lernende zu eigenständigem Lernen zu befähigen
Es geht also darum, dass die Lehrkraft ihre Lernenden dabei begleitet, sich nicht nur kognitiv, sondern auch persönlich zu entfalten. Und Kinder und Jugendliche wiederum, die ihren Lernprozess selbst organisieren und reflektieren, denken auch über sich selbst nach – und lernen so nicht nur Unterrichtsinhalte, sondern gleichzeitig auch ihre Psyche besser kennen.
Sie fühlen sich, wenn die Fähigkeit zur Selbststrukturierung schrittweise aufgebaut wird, weniger fremdbestimmt, werden selbstsicherer und spüren im Idealfall, wenn etwas mit ihnen nicht stimmt und sie Hilfe benötigen. Gut, wenn sie dann wissen, dass sie sich ihrer Lehrkraft anvertrauen können.
Schulentwicklung als Chance
Staatliche Schulen, die sich selbst als lernendes System begreifen, an ihrer pädagogischen Ausrichtung arbeiten und ihre Gestaltungsspielräume nutzen, können also auch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen gute Lebensräume für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen sein und sie resilient machen. Dies zeigen exemplarisch die Gewinner des deutschen Schulpreises – die allermeisten sind staatliche Schulen, die mit ihren Innovationen Leuchttürme sind.7
Die entlastende Botschaft ist also: Für resilienzfördernden Unterricht muss Schule keine großen finanziellen Anstrengungen unternehmen. Sie muss sich nur ihrer eigenen strukturellen und personellen Ressourcen bewusst sein. Es genügt zudem ein wacher Blick, wo bereits Krisen sind. Oft reicht schon ein einziges Gespräch, das gegebenenfalls Türöffnerfunktion hat. So können die Weichen neu gestellt werden.8
Fazit: Das System Schule braucht uns!
Wenn ich lese, dass Schule unsere Kinder und Jugendlichen krank macht, wurde mir gerade zu Beginn meiner Lehrtätigkeit oft bang. Ich hatte dann Sorge, ob ich mich mit schuldig mache. Inzwischen weiß ich um die Möglichkeiten, die ich auch und gerade im staatlichen Schulsystem habe.
Wir klagen häufig darüber, dass zu wenig in Schulen investiert wird - und übersehen dabei, dass viele wesentliche Änderungen kein Geld kosten, sondern nur kleine Stellschrauben im großen Ganzen darstellen.
Wenn die gesamte Schulgemeinde diese beschließt: wunderbar. Wenn ich zunächst als Einzelkämpfer*in dastehe: Sei‘s drum. Vielleicht bleibt das ja eine Momentaufnahme, ich suche mir Verbündete und wir wirken als Multiplikatoren. Frust in unserem Beruf kann so umgewandelt werden in den Leitgedanken: „Ich tu, was ich kann.“ Jede*r von uns macht damit einen Unterschied.
Literaturverzeichnis
1Robert Bosch Stiftung (2024). Deutsches Schulbarometer: Befragung Lehrkräfte. Ergebnisse zur aktuellen Lage an allgemein- und berufsbildenden Schulen.
URL: https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/documents/2024-04/Schulbarometer_Lehrkraefte_2024_FORSCHUNGSBERICHT.pdf
[zuletzt abgerufen am 14.02.2025].
2Deutsches Schulportal (2024). Deutsches Schulbarometer Schüler:innen 2024: Jeder fünfte junge Mensch berichtet von psychischen Problemen.
URL: https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/deutsches-schulbarometer-schueler-2024-jeder-fuenfte-junge-mensch-berichtet-von-psychischen-problemen/
[zuletzt abgerufen am 14.02.2025].
3Robert Bosch Stiftung (2024). Deutsches Schulbarometer: Befragung Schüler:innen 2024. Ergebnisse von 8- bis 17-Jährigen und ihren Erziehungsberechtigten zu Wohlbefinden, Unterrichtsqualität und Hilfesuchverhalten.
URL: https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/documents/2024-11/Deutsches%20Schulbarometer_Sch%C3%BCler_2024.pdf
[zuletzt abgerufen am 14.02.2025].
4SWR (2025). Die Schule brennt – der Bildungspodcast mit Bob Blume.
URL: https://www.ardaudiothek.de/sendung/die-schule-brennt-der-bildungspodcast-mit-bob-blume/12197843/
[zuletzt abgerufen am 14.02.2025].
5Hattie, J.; Wernke, S. & Zierer, K. (2024). Visible Learning 2.0. Deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning: The Sequel“, besorgt von Stephan Wernke und Klaus Zierer (1. Auflage). Bielefeld: Schneider bei wbv Publikation.
6SPIEGEL Online (2025). Zahl der Privatschulen steigt – das zahlen Eltern für die private Bildung.
URL: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/zahl-der-privatschulen-steigt-das-zahlen-eltern-fuer-die-private-bildung-a-bfd5ae6f-44e3-47d9-b5a7-d5849cd3dd45
[zuletzt abgerufen am 14.02.2025].
7Deutscher Schulpreis (2025). Informationen zum Wettbewerb und den Preisträgerschulen. https://www.deutscher-schulpreis.de/
[zuletzt abgerufen am 14.02.2025].
8Siehe hierzu auch den Blogbeitrag „Die Coronakrise als Chance für einen Paradigmenwechsel an Schulen“