„Weiter, weiter, weiter“ – Über den inneren Kritiker und das Loslassen im Sport

13.05.2026 von Hannah M.

Nur noch 2 Kilometer. Das sind 5 Runden um den Platz. Schneller. Das muss doch schneller gehen. Ich kann nicht mehr. Weitermachen. Zähne zusammenbeißen. Reiß dich zusammen. Ich will nicht mehr. Hör auf zu heulen. Mir ist schlecht. Lauf weiter. Noch 1600 Meter. Vier Runden. Das muss schneller gehen. Gib endlich Gas. Lauf schneller. Aus dir wird eh nichts. Du kannst gar nichts. Alle hassen dich. Guck dich nur an. Lauf schneller. Versagerin! Reiß dich zusammen! Gib Gas! Ich kann nicht mehr. Laufen. Ich will nicht mehr. Einfach nur laufen. Ich kriege keine Luft. Du musst aber! Weiter, weiter, immer weiter. Bloß nicht aufgeben. Bloß nicht aufhören. Bloß keine Schwäche zeigen. Weiter, weiter, weiter.

 

Wenn der innere Kritiker schreit

Lange Zeit hat sich Sport machen in meinem Kopf ungefähr so angehört. Eine stetig schreiende, treibende, mich selbst abwertende Stimme in meinem Kopf, der egal war, was mein Körper gesagt hat. Gezählt hat nur, was auf dem Trainingsplan stand. Und das sollte im Idealfall auch noch überboten werden. „Going the extra mile“ war das große Ideal, das über meinem Kopf schwebte. Getrieben von dem Wunsch, in meinem Sport erfolgreich zu sein, angeschrien von meinem inneren Kritiker. Das Ziel: Anerkennung. Eigentlich von innen. Sich selbst endlich genug sein. Aber da dieses Ziel eh nicht erreichbar war: dann eben von außen. Durch Siege, gute Werte, Spielzeit, Nominierungen für Auswahlmannschaften.

Weil Sport nun mal so schön messbar ist. Er ist das Versprechen, dass einem Zahlen niemand wegnehmen kann. Leider ist das häufig dennoch ein Fehlschluss. Egal, was für eine Zahl man sich als Ziel setzt – seien es Geschwindigkeiten, Entfernungen oder Gewichte im Krafttraining. Egal welches Ziel man sich setzt. Spätestens, wenn man es erreicht hat – eigentlich sogar schon vorher – verschiebt sich diese Grenze. Und das Ziel wird größer. Das bisher Geschaffte wird abgewertet, klein geredet und zunichtegemacht. Es geht schließlich immer besser. Höher, schneller, weiter war schon immer der Slogan des (Leistungs-)Sports.

 

„Höher, schneller weiter“ gilt überall

Allerdings hat dieser Gedanke schon lange den Bereich des Sports verlassen, auch in unserem alltäglichen Leben ist er präsent. In Werbung, Social Media und auch im persönlichen und beruflichen Umfeld. Es geht um Optimierung, Verbesserung und Vervollkommnung. Um schlanke, sportliche Körper und Leistungsbereitschaft. Keine Schwäche zeigen, immer weitermachen und niemals aufgeben sind die Ideale, die uns vor Augen gehalten werden.

Natürlich gibt es Krisen, Rückschläge, Löcher, aber auch daraus sollen wir gestärkt hervorgehen. „Come back stronger“ und „Rise like a phoenix“ sind schon lange zum gesellschaftlichen Ideal geworden. Wer das schafft, wird als Held*in gefeiert. Wer es nicht schafft, hat sich wohl einfach nicht genug angestrengt.

 

Die schmale Linie zwischen Disziplin und Selbstzerstörung

Jahrelang war auch mein Leben durch genau diese Haltung bestimmt. Ständig begleitete mich die Angst, nicht gut genug zu sein, nicht mehr aufgestellt zu werden, meinen Kaderstatus zu verlieren und aussortiert zu werden. Doch während allgemein bekannt ist, dass Leistungssport nicht gesund ist, wird zu selten anerkannt, wie tief diese Ideale nicht nur dem Sport, sondern unserer gesamten Gesellschaft eingeschrieben sind. Deshalb wird das Leid, das dadurch entsteht, meistens erst dann für Außenstehende sichtbar, wenn der Zusammenbruch schon da ist, wenn Ängste, Depression oder Zwänge längst manifest sind. Denn der Zwang, über Müdigkeit, Erschöpfung und auch Verletzungen hinweg zu trainieren oder zu leben, sieht von außen häufig aus wie Disziplin.

Wenn es um den oder die Einzelne geht, liegt das Problem jedoch nicht (nur) im Außen. Auch ich selbst habe viel zu lange ignoriert, was eigentlich los war. Denn in meinem Kopf war kein Platz für all das, was hinter dem Sport lag. Mein Denken war ausschließlich damit beschäftigt, mich weiter anzutreiben und niemals aufzuhören. Da war kein Platz für Gefühle – außer Selbsthass – da war kein Platz für Gedanken – außer „du musst“ – da war kein Platz für eine Pause, in der ich hätte merken können, dass etwas hier richtig schief läuft. Und das, obwohl ich vermutlich die ganze Zeit insgeheim wusste, dass das, was ich tue, nicht gesund ist.

Ich wusste, dass es kein gutes Zeichen war, dass ich verzweifelt war, wenn ein Training ausfiel. Ich wusste, dass bei mir alle Alarmglocken hätten läuten müssen, als ich es nur noch gehasst habe, ins Training zu gehen. Aber wirklich bewusst geworden ist es mir erst, als mein Körper gesagt hat: „Hier ist Schluss. Hier geht es wirklich nicht weiter!“ Alles, was mir früher Spaß gemacht und Energie gegeben hatte, war nur noch eine Qual, ein Zwang. Und Verletzung auf Verletzung folgte. In dieser Situation musste ich mir eingestehen, dass ich gescheitert war. Dass ich mich im wahrsten Sinne des Wortes in etwas „verrannt“ hatte, aus dem ich so nicht mehr rauskam. Und ich war gezwungen, mich der Tatsache zu stellen, dass, egal wie sehr ich es wollte, ich so nicht mehr weitermachen konnte. Und dass Pause, eine wirkliche Pause, das einzige war, was ich jetzt machen konnte. Kein Training mehr. Keine Wettkämpfe mehr. Abstand vom Sport. Das war im ersten Moment vor allem eines: noch schmerzhafter als der Zustand davor.

Was die Situation für mich noch verschärft hat, war die Tatsache, dass ich mich in ihr unglaublich allein gefühlt habe. Von außen ist mir unglaublich viel Unverständnis entgegen geschlagen. Unverständnis darüber, warum ich mich “so plötzlich” aus allem zurückgezogen habe und gleichzeitig Unverständnis darüber, warum ich es denn “so weit hatte kommen lassen”. Und ich saß irgendwo alleine dazwischen, mit einem Kopf, der mich weiter angeschrien hat und einem Körper, der nicht mehr weiter konnte. Ich habe mir oft gewünscht, dass da jemand gewesen wäre, der gesagt hätte: „Ich bin da und ich sehe, wie schwer das alles für dich ist.” Jemand, der hinter der Sportlerin, die an all den Ansprüchen gescheitert war, den Menschen und den inneren Kampf gesehen hätte. Und oft habe ich mich gefragt, ob nicht alles anders gekommen wäre, ob man den Zusammenbruch nicht hätte verhindern können, wenn es Menschen in meinem Umfeld, im Sport und im Privaten gegeben hätte, die schon früher die Anzeichen von dem erkannt hätten, was in meinem Inneren passierte.

 

Ein neuer Blick: vom Aufgeben zum Loslassen

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis irgendwo in meinem Kopf eine neue Stimme auftauchte. Eine, die gesagt hat: „Vielleicht ist das nicht das Schlechteste, was dir passieren konnte?“ „Vielleicht ist das Scheitern nicht nur eine Niederlage, sondern auch eine Chance?“ Um ehrlich zu sein: Meine erste, innere Reaktion darauf war es, diese Stimme wieder in die hinterste Ecke meines Kopfes zu verbannen. Sie klang in meinen Ohren viel zu sehr nach einem nicht sonderlich hilfreichen Kalenderspruch und nach einer Art von Optimismus, die mich in meiner damaligen Situation einfach nur angewidert hat. Denn für mich hat sich das Aufhören in diesem Moment ausschließlich nach Aufgeben angefühlt. Danach, all das, für das ich so lange, so hart gearbeitet hatte, einfach in die Tonne zu schmeißen.

Der Gedanke, der mich irgendwann aus diesem Loch geholt hat, war, dass es hier vielleicht vielmehr um Loslassen als um Aufgeben geht. Aufgeben suggeriert eine Niederlage gegen etwas, das man eigentlich hätte schaffen müssen. Wohingegen Loslassen auch heißen kann: Ich erkenne das an, was da war und trotzdem erlaube ich mir den Gedanken, dass das jetzt nicht mehr das Richtige für mich ist. Der Unterschied liegt nicht in der Handlung, sondern in der inneren Bewertung. Fehler oder Umwege sind nicht fatal. Sie haben keine Aussagekraft über meinen Wert. Sie sind vielmehr etwas grundlegend Menschliches. Das anzuerkennen, war für mich ein Wendepunkt.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es ab dem Moment dieser Erkenntnis besser wurde. Wurde es nicht. Zumindest nicht sofort. Nicht am Anfang. Um ehrlich zu sein, wurde es sogar erstmal schlimmer. Weil da plötzlich auch noch eine zweite Stimme in meinem Kopf war, eine die gesagt hat: „Du musst dich gegen deinen inneren Kritikerstellen.“ Und ganz ehrlich: Auch wenn das der Anfang eines neuen, gesünderen Weges war, war das verdammt anstrengend. Der innere Antreiber wird nicht sofort leiser. Man kann ihn nicht einfach abstellen. Das, was in diesem Moment beginnt, ist ein neuer Kampf gegen sich selbst.

Aber was bedeutet das konkret? Wenn es nicht einfach um das Abstellen der Kritikerstimme geht, um was geht es dann? Es geht vielmehr darum, zu bemerken, wann dieser ungesunde, niemals zufriedene Teil da ist und sich dann aktiv dagegen zu entscheiden. Um gesund zu werden, reicht es nicht, einmal, eine Entscheidung zu treffen. Das ist ein Trugschluss. Es sind viele Entscheidungen, viele kleine. Wöchentlich, täglich und manchmal sogar minütlich.

 

„Ich darf es mir erlauben, im Dazwischen zu existieren“

Meine Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss, ist inzwischen schon einige Jahre her. Viele Therapiestunden und einige Klinikaufenthalte liegen zwischen diesem Moment und jetzt. Und trotzdem gibt es immer noch Tage, an denen ich laufen gehe und diese Stimme wieder da ist, die von mir verlangt, meine körperlichen Grenzen zu ignorieren. Es gibt auch Tage, an denen ich mich von dieser Stimme wieder antreiben lasse. Und es gibt auch welche, an denen mich dieser Kritiker über meine Grenzen treibt. Und trotzdem kann ich mit gutem Gewissen sagen: „Es hat sich einiges geändert.“ Beides existiert. Beides existiert gleichzeitig. Und diese Ambivalenz ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Sie ist der Prozess selbst.

Es geht nicht darum, dass man immer alles richtig macht. Es geht darum, (wieder) zu lernen, ehrlich zu sich zu sein, die kleinen Dinge zu bemerken, auf seinen Körper zu hören. Den Körper gedanklich wieder zu etwas anderem zu machen als ein Mittel zum Zweck. Denn wir können nicht aus unserem Körper raus. Der Weg kann also nicht gegen ihn, sondern nur mit ihm bestritten werden. Es geht um das „in sich rein Hören“ und nicht um das „über den Körper drüber Schreien“.

Ein Beispiel: Wenn ich müde bin – ist es dann wirklich richtig, ins Training zu gehen? Manchmal wird die Antwort darauf „ja“ lauten, weil es mir vielleicht gut tut, rauszugehen und mich zu bewegen, nachdem ich den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen habe. Manchmal wird die Antwort aber auch „nein“ sein, weil ich körperlich schon komplett erschöpft bin und ich eigentlich einfach eine Pause brauche. Und manchmal wird mir mein Körper auch einfach keine eindeutige Antwort geben, sondern nur ein „vielleicht“. Es geht nicht immer um alles oder nichts. Ich darf auch loslaufen und nach ein paar Minuten sagen: „Nein, heute nicht.“ Ich darf auch bewusst langsam machen. Ich darf mich für entspannte Bewegung statt anstrengenden Sport entscheiden. Ich darf aber auch Gas geben und mich auspowern. Ich darf es mir erlauben, im Dazwischen zu existieren.

Auf den Körper zu hören klingt einfach, aber in der Praxis ist es anstrengend. Es ist ein Ausloten und ein immer und immer wieder Probieren. Und vielleicht auch ein immer und immer wieder Scheitern. Und es ist das Anerkennen, dass Scheitern nicht immer nur schlecht ist, sondern manchmal auch ein aktiver, gesunder Prozess, der zum Leben dazugehört. So sehr ich mir wünschen würde, eine einfache Lösung zu haben oder eine klare Antwort auf die Frage “Wie findet man denn das richtige Maß?”, habe ich leider keine. Das, was einer Antwort wohl am nächsten kommt, ist die Einsicht, dass man das– wie so vieles im Leben – nicht nur schwarz oder weiß sehen darf.

Es ist bewiesen, dass Sport und Bewegung eine Ressource sind, die sogar antidepressive Wirkung hat.1 Sport kann eine Stütze sein, ein sich im gesunden Maße Testen und ein Weg hin zu Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Und gleichzeitig kann Sport ein Ort sein, der uns bewusst macht, dass die wahre Stärke manchmal nicht darin liegt, weiterzumachen, sondern aufhören zu dürfen.

Literaturverzeichnis

1 Bendau A, Petzold M, Ströhle A. Bewegung, körperliche Aktivität und Sport bei depressiven Erkrankungen. NeuroTransmitter. 2022;33(1-2):52–61. German. doi: 10.1007/s15016-021-9343-y. Epub 2022 Feb 15. PMCID: PMC8852946.