Wenn dein Teenager plötzlich anders ist: Missbrauch von Beruhigungsmitteln erkennen

03.09.2025 von Melanie W.

Mein 16-jähriger Sohn Felix war schon immer ein guter Schüler, ehrgeizig, manchmal fast zu perfektionistisch. Er spielte seit Jahren Basketball, traf sich regelmäßig mit seinen Freunden und hatte diesen typischen Teenager-Humor, der mich manchmal zum Lachen, manchmal zum Kopfschütteln brachte.

Dann fielen mir Kleinigkeiten auf. Felix wirkte ohne erkennbaren Grund müde, nicht selten richtig benommen. Zuerst dachte ich, das liege an der Pubertät oder an den anstehenden Prüfungen in der Schule. „Ach, das ist normal", sagten meine Freundinnen. Aber Felix zog sich zurück, wirkte abwesend und reagierte gereizt, wenn ich nachfragte. „Lass mich einfach in Ruhe", wurde zu seinem Standardsatz.

Eines Nachmittags kam ich nach Hause und fand ihn um drei Uhr tief schlafend auf dem Wohnzimmersofa. Als ich ihn vorsichtig weckte, brauchte er mehrere Minuten, um richtig wach zu werden und zu verstehen, wo er war. So kannte ich meinen Sohn überhaupt nicht. Seine Augen waren glasig, seine Bewegungen langsam. „Ich war nur müde", murmelte er und schlurfte in sein Zimmer.

Nachts lag ich wach und grübelte: Habe ich als Mutter etwas übersehen? Ist das meine Schuld? Mein Mann meinte nur: „Das ist Pubertät, mach dir nicht so viele Sorgen." Aber mein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Ist das eine Depression? Konsumiert er Cannabis? Oder trinkt er heimlich Alkohol? Die Gedanken ließen mich nicht los.

 

Die Wahrheit kam durch Zufall ans Licht

Ein Dienstagmorgen änderte alles. Beim Waschen fiel mir eine leere Tablettenpackung aus Felix’ Jackentasche, mit einem Präparat, das er definitiv nicht von mir oder unserem Hausarzt erhalten hatte. Mein Herz stand still. Hatte ich eine Erklärung für sein seltsames Verhalten?

Als Felix aus der Schule kam, konfrontierte ich ihn damit. Erst versuchte er es zu leugnen: „Das ist nicht meins, das gehört einem Freund." Aber dann brach es aus ihm heraus. Er hatte angefangen, Beruhigungsmittel zu nehmen, Medikamente, die eigentlich für Erwachsene mit Angststörungen gedacht sind. „Mama, du verstehst das nicht. Der Druck ist so krass. Alle anderen schaffen das auch irgendwie locker, nur ich nicht", gestand er unter Tränen. „Es hilft mir einfach, den Stress nicht zu spüren, kein dauerndes Gedankenkarussell mehr. Dann kann ich funktionieren, wie alle anderen auch."

Bis dahin wusste ich nichts über Beruhigungsmittelmissbrauch bei Jugendlichen. Dass schon geringe Mengen abhängig machen können und Nebenwirkungen wie Schwindel, Benommenheit und Konzentrationsstörungen auslösen – genau die Symptome, die mir bei Felix aufgefallen waren – das war mir völlig neu..

 

Rückblick: Die Warnsignale waren da

Heute sehe ich, dass die Anzeichen schon wochenlang sichtbar waren: Felix hörte auf, über sein Basketballtraining zu erzählen. Stattdessen kam er nach Hause und verschwand sofort in seinem Zimmer. „Wie war's heute?" wurde mit einem müden „Okay" abgetan. Seine beste Freundin fragte mich sogar mal: „Ist Felix okay? Er ist so komisch geworden." Aber ich wiegelte ab und habe es für alterstypisch abgetan, trotz meines unguten Bauchgefühls.

Mit Rückblick bewerte ich die körperlichen Anzeichen anders: Er war ständig müde, klagte über Schwindel – besonders morgens beim Aufstehen – und konnte sich kaum noch konzentrieren. „Mama, ich vergesse alles", sagte er mal. Seine Hausaufgaben dauerten plötzlich doppelt so lange. Auch sein Appetit ließ nach, was ich damals für "typisch Teenager" hielt und auch ganz froh darüber war.

Er hat wohl bemerkt, dass es keine gute Idee war, was er da tat, und versuchte, keine Tabletten mehr zu nehmen. Dadurch kamen aber andere Symptome dazu: Seine Hände zitterten, er wirkte unruhig und ängstlich, hatte Kopfschmerzen. „Ich kann nicht schlafen, Mama, mein Kopf hört nicht auf zu denken", auch das habe ich als Sorge vor anstehenden Klausuren abgetan und ihm Baldrian angeboten. Um diese schreckliche Wirkung zu mindern und seine Gefühle in den Griff zu bekommen, griff er dann doch wieder zu den Tabletten. Ich habe nichts davon mitbekommen. Und das fühlt sich nicht gut an.

 

Damit es anderen nicht so geht: Warnzeichen für den Missbrauch von Beruhigungsmitteln

Folgende Anzeichen können bei jungen Menschen auf die Einnahme von Beruhigungsmitteln hindeuten:

  • Verhaltensänderungen: Rückzug, weniger Interesse an Hobbys, seltener Kontakt zu Freunden
  • Stimmung und Reaktion: Gereiztheit, Teilnahmslosigkeit, auffällige Abgestumpftheit
  • Körperliche Anzeichen: häufige Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, Appetitverlust
  • Leistung: plötzlicher Abfall oder auffällig angestrengtes Halten des bisherigen Niveaus
  • Konzentration: Vergesslichkeit, höherer Zeitaufwand für Hausaufgaben, gedankliche Abwesenheit
  • Entzugssymptome (bei reduzierter Einnahme): Zittern, Schlafprobleme, Angst, Unruhe, Kopfschmerzen
  • Indirekte Hinweise: leere Blisterpackungen, fehlende Tabletten aus dem Haushalt

Einzelne Anzeichen müssen nichts bedeuten. Aber mehrere Veränderungen gleichzeitig sind ein Grund, genauer hinzusehen und das Gespräch zu suchen.

 

Welche Medikamente im Umlauf sind

In den Wochen nach unserem ersten “echten” Gespräch erfuhr ich mehr, als ich je wissen wollte. Felix nahm vor allem Lorazepam, bekannt als Tavor. „Das hat mir Paul gegeben, dessen Oma nimmt das gegen Panikattacken", erzählte er. Andere Jugendliche in seinem Umfeld probierten Diazepam (Valium) oder Alprazolam (Xanax).

„Es ist so leicht, da ranzukommen, Mama. Fast jeder kennt jemanden, der sowas zu Hause hat", sagte Felix. Diese Wirkstoffe gehören zu den Benzodiazepinen, die schnell beruhigen und Ängste dämpfen – aber ebenso schnell abhängig machen. Was mich am meisten schockierte: Die Tabletten kosten oft nur wenige Euro und sind erschreckend leicht zu beschaffen. Aus dem Medikamentenschrank der Großeltern, über Freunde oder Bekannte.

 

Warum mein Sohn zu Beruhigungsmitteln griff

In unseren langen Gesprächen in den folgenden Wochen wurde mir klar, unter welchem enormen Druck Felix stand. „Mama, alle erwarten Bestnoten von mir. Du, Papa, die Lehrer, ich selbst. Ich konnte vor lauter Prüfungsangst wochenlang nicht mehr richtig schlafen", gestand er mir eines Abends.

„Und dann hat Paul mir erzählt, dass es Tabletten gibt, mit denen man einfach funktioniert. Ohne die ganze Angst und den Stress. Das klang wie ein Wunder für mich."

Was mich besonders nachdenklich macht: In Felix’ Freundeskreis wurde das Thema zwar nicht offen, aber doch beiläufig behandelt. „Es ist nicht so, dass wir darüber geredet haben wie über Drogen. Es war eher so: ‚Hey, wenn du mal nicht schlafen kannst, ich hab da was‘", erklärte Felix. Auch in manchen Rap-Songs, die er hörte, wurde über solche "Hilfsmittel" geredet, als wären sie völlig harmlos.

Mein Mann reagierte zunächst mit Unverständnis: „Warum hat er uns nichts gesagt? Wir hätten ihm doch geholfen!“ Doch Felix entgegnete: „Papa, ihr hättet doch nur gesagt, ich soll mich zusammenreißen. Andere schaffen es auch.“ Damit hat er wohl recht.

 

Was uns geholfen hat

Wachsam sein: Ich fing an, mir Notizen zu machen. Wann wirkte Felix besonders müde? Wie reagierte er in bestimmten Situationen? Das half mir, Muster zu erkennen und ihn dann in den für ihn unangenehmen Situationen richtig zu unterstützen.

Ruhig ansprechen: Nach der Entdeckung hätte ich am liebsten geschrien und Vorwürfe gemacht: „Warum tust du dir das an, Felix?“ oder auch: „Warum tust du uns als Familie das an?“ Zum Glück konnte ich mich zurückhalten. Stattdessen sagte ich: „Felix, mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass du dich verändert hast. Ich mache mir Sorgen. Können wir darüber reden?“

Was mich besonders nachdenklich macht: In Felix’ Freundeskreis wurde das Thema zwar nicht offen, aber doch beiläufig behandelt. „Es ist nicht so, dass wir darüber geredet haben wie über Drogen. Es war eher so: ‚Hey, wenn du mal nicht schlafen kannst, ich hab da was‘", erklärte Felix. Auch in manchen Rap-Songs, die er hörte, wurde über solche "Hilfsmittel" geredet, als wären sie völlig harmlos.

Hilfe auch für uns suchen: Unser Hausarzt war der erste Ansprechpartner, dem ich im Vertrauen von Felix Sucht erzählt habe. Er verwies uns an eine Suchtberatungsstelle, die speziell mit Jugendlichen arbeitet. „Es ist gut, dass sie so früh gekommen sind", sagte die Beraterin. Das gab mir und vor allem auch Felix Mut.

Sicherheit schaffen: Ich räumte alle Medikamente aus dem Badezimmerschrank und verstaute sie in einem abschließbaren Fach. Auch meine Mutter musste ihre Medikamente wegschließen, wenn Felix zu Besuch war, um ihn nicht in Versuchung zu führen.

Vertrauen stärken: „Mama, dass du nicht ausgerastet bist, hat mir gezeigt, dass ich dir vertrauen kann", sagte Felix später. Diese ruhige Reaktion war zwar schwer für mich durchzuhalten, aber sie war der Schlüssel zu allem Weiteren.

Was ich mir ab jetzt für Felix und seinen Bruder vorgenommen habe:

  • Genau hinschauen: Ich achte auf Veränderungen in ihrem Verhalten, in ihrer Stimmung oder im Freundeskreis.
  • Früh ansprechen: Ich stelle offene Fragen statt Vorwürfe zu machen, zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass…“.
  • Ruhig bleiben: Ich bemühe mich, gelassen zu reagieren, damit sie sich trauen, ehrlich zu sein.
  • Vertrauen stärken: Ich zeige ihnen, dass ich für sie da bin, auch wenn es schwer ist, die Wahrheit zu hören.

 

Der Weg zurück war steinig, aber möglich

Ein Jahr später kann ich sagen: Felix geht es wieder gut, aber der Weg war alles andere als einfach. Wir brauchten professionelle Hilfe, viel Geduld und noch mehr Verständnis. Der Entzug dauerte mehrere Wochen. Felix hatte Schweißausbrüche, Zitteranfälle und Panikattacken. „Mama, ich halte das nicht aus", das habe ich noch immer im Ohr. Es war scheußlich, ihn so zu sehen und nicht helfen zu können. Und auch, wenn ich weiß, dass es nicht nett ist: es gab Tage, an denen das Mitleid nicht so groß war und der Gedanke, dass er sich da selber reingeritten hat, in den Vordergrund trat. Es gab Rückfälle, Tränen und Momente, in denen ich dachte, wir schaffen das nie. Mein Mann und ich gingen zur Paartherapie, weil auch wir überfordert waren und die Sorgen um Felix und der Umgang damit uns fast auseinander gebracht hätte.

Heute hat Felix andere Strategien entwickelt, wenn ihm mal wieder alles zu viel wird oder die Sorgen groß werden: Er macht wieder regelmäßig Sport, praktiziert Atemübungen vor Prüfungen und redet mit uns, wenn der Druck zu groß wird. „Mama, jetzt bin ich wieder ich selbst", sagte er neulich. Wir sprechen offener über Stress, Ängste und Druck in unserer Familie.

Ich habe gelernt, dass es vollkommen in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein, weder als Mutter noch als Jugendlicher. Und dass Hilfe zu holen kein Versagen ist, sondern Stärke zeigt. Aber auch, dass ich auf mein Bauchgefühl vertrauen kann und muss. Und ab jetzt, wenn ich merke, dass sich mein Kind verändert, spreche ich es an und lasse mich nicht mehr abwimmeln.

Auch bei den Freunden meiner Jungs werde ich es so handhaben. Misstrauen oder Kontrolle stehen nicht im Vordergrund, sondern es geht darum, da zu sein, wenn Hilfe gebraucht wird. Beruhigungsmittelmissbrauch bei Jugendlichen ist leider keine Seltenheit mehr. Je offener wir alle darüber reden, mit Kindern, anderen Eltern und auch in der Schule, desto eher können wir verhindern, dass aus einem kleinen Problem ein großes wird.

 

Zwischen Vertrauen und Wachsamkeit

Auch wenn es Felix heute deutlich besser geht, weiß ich, dass die Gefahr eines Rückfalls immer da ist. Ärzt*innen und Therapeut*innen haben uns erklärt, dass die Anfälligkeit für eine Abhängigkeit lebenslang bestehen bleiben kann. Für uns Eltern bedeutet das, wachsam zu bleiben, ohne in ständiges Misstrauen zu verfallen. Das ist schwer auszuhalten: Einerseits möchte ich ihm voll vertrauen, andererseits melden sich sofort Zweifel, wenn er wieder müde wirkt oder sich zurückzieht.

Wir müssen nun lernen, diesen Balanceakt gemeinsam auszuhalten. Dabei helfen offene Gespräche, klare Vereinbarungen und die Erinnerung daran, dass Vertrauen und Unterstützung neben einem stabilen Alltag, Früherkennung von Belastungsanzeichen, dem Erlernen von gesunden Bewältigungsstrategien und ein kontrollierter Umgang mit verfügbaren Medikamenten die beste Rückfallprophylaxe sind.