Wenn die Therapieplatzsuche zur Belastungsprobe wird

15.09.2025 von Laura M.

Wer in Deutschland gesetzlich krankenversichert ist und psychotherapeutische Hilfe benötigt, braucht nicht erst seit Kurzem einen langen Atem oder ein überdurchschnittlich großes Portemonnaie. Nicht die besten Voraussetzungen für Menschen, die von psychischen Erkrankungen und persönlichen Krisen betroffen sind und die in diesen Lebensphasen ohnehin kaum noch Kraftreserven haben.

Umso wichtiger also, dass insbesondere junge Menschen in dieser Situation gesehen und auf ihrem Weg zur Hilfe unterstützt werden. Und das so schnell wie möglich.

 

Früher war nicht alles besser, die Suche nach einem Psychotherapieplatz schon

Meine erste Therapieerfahrung habe ich Anfang der 2000er Jahre gemacht. Ich war Erstklässlerin und erinnere mich, wie meine Mutter am Esstisch telefonierte und mir danach sagte, dass wir einen Termin haben, um über meine Probleme zu sprechen. Diagnostiziert und therapiert wurde kurz darauf eine Angsterkrankung.

Mit 17 Jahren kam diese Erkrankung durch Leistungsdruck vor den Prüfungen und belastende Faktoren innerhalb der Familie wieder zum Ausbruch. Ich durchlebte eine erste stark depressive Phase. Auch hier hatte ich zeitnah das erste Gespräch bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und erhielt begleitend Antidepressiva.

Fünf Jahre später wollte ich nach dem Suizid meines Vaters erneut Hilfe in Anspruch nehmen. Da sah es schon anders aus: Mehrere Anfragen, mehrere Absagen, irgendwann Hoffnung, endlich Warteliste, monatelange Wartezeit, dann Therapie.

Die Psychotherapie endete, weil ich zum Studieren in eine andere Stadt zog. Die Therapeutin legte mir nahe, die Therapie dort fortzusetzen. Doch auf jede Anfrage folgte eine Absage und so ließ ich die Suche irgendwann im Sand verlaufen, da ich mich nicht mehr akut belastet fühlte.

Das änderte sich durch eine schlechte Beziehungserfahrung und die Corona-Pandemie. Wie viele andere hätte ich in dieser Zeit dringend eine psychotherapeutische Anbindung gebraucht. Wie schon zuvor: Jede Anfrage verwandelte sich in eine Absage. Die weitere Studienzeit fühlte sich an wie ein Marathon im Unterzucker.

Schlafen und Essen wurden immer mehr zum Problem. Ich behalf mir mit Antidepressiva vom Hausarzt, ging zur Selbsthilfegruppe und sprach viel mit Freund*innen. Irgendwann noch ein Anlauf: Nach fünf Monaten Wartezeit bekam ich einen Platz in einer verhaltenstherapeutischen Institutsambulanz, in der ich kompetent betreut wurde.

Die Diagnose dann: Die Depression hatte einen chronischen Krankheitsverlauf genommen. Hinter der Entstehung einer chronischen Variante einer psychischen Erkrankung stecken meist mehrere Faktoren. Zu lange Phasen ohne notwendige Behandlung zählen auch dazu.

Aktuell bin ich wieder auf der Suche. Eine langwierige körperliche Erkrankung und familiäre Probleme rütteln ordentlich an meiner Verfassung. Nach über 30 schriftlichen und telefonischen Anfragen, die nicht einmal zu einem Wartelistenplatz geführt haben, gibt es seit wenigen Tagen endlich einen Termin für ein Erstgespräch.

 

Bedarfsplanung auf der einen, Realität auf der anderen Seite

Mit jeder negativen Rückmeldung wächst die Hilflosigkeit und Wut. Doch die Schuld liegt nicht bei den Psychotherapeut*innen. Viele arbeiten am Kapazitätslimit und fühlen sich schlecht damit, immer wieder Hilfesuchende abweisen zu müssen.

Das Grundproblem: In Deutschland gibt es rund 37.000 approbierte Psychotherapeut*innen, aber nur etwa 15.000 haben eine sogenannte Kassenzulassung und können mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Der Rest arbeitet für Selbstzahler*innen oder Menschen mit Privatversicherung.1

Das deutsche System zur Festlegung der Anzahl von Kassensitzen basiert auf einer Bedarfsplanung aus dem Jahr 1999. Verantwortlich dafür ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Fachleute kritisieren schon seit Jahren, dass das System veraltet ist und den tatsächlichen Bedarf in der Bevölkerung schon lange nicht mehr abbildet.2 Vor allem, weil durch belastende Ereignisse wie Pandemie, Krieg und Klimakatastrophen der Bedarf in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Insbesondere auch bei Kindern und Jugendlichen.3

 

Therapie aus eigener Tasche? Für die meisten unbezahlbar.

Wer keinen Platz bei Psychotherapeut*innen mit Kassensitz findet, kann theoretisch die Kosten selbst übernehmen. Eine Stunde Psychotherapie kostet aktuell etwa zwischen 130 und 170 Euro. Bei wöchentlichen Sitzungen können so monatliche Kosten von bis zu 680 Euro entstehen. Und das, wo Krankenkassenbeiträge ohnehin ständig steigen, während Leistungen gekürzt werden.

Das ist für die meisten schlicht utopisch und für junge Menschen erst recht nicht möglich.

 

Schon realistischer: Das Kostenerstattungsverfahren

Im Blogbeitrag „Alle reden von Psychotherapie, aber was ist das eigentlich?“ findest du wichtige Infos und auch Hinweise, wie du bei der Suche nach einem Platz vorgehen kannst.

Wenn das trotz aller Mühe aber nicht funktionieren will, gibt es die Möglichkeit ein Kostenerstattungsverfahren bei der Krankenkasse zu beantragen. Dazu muss nachgewiesen werden, dass trotz intensiver Bemühungen kein Therapieplatz oder nur mit unzumutbar langer Wartezeit in einer Praxis mit Kassenzulassung gefunden wurde.

In diesem Fall ist die gesetzliche Krankenkasse verpflichtet, die Kosten für eine Behandlung bei einer Privatpraxis (ohne Kassensitz) zu übernehmen. Die rechtliche Grundlage dafür findet sich in § 13 Absatz 3 SGB V und gilt grundsätzlich für alle gesetzlichen Krankenkassen.

Wie du bei einem Kostenerstattungsverfahren konkret vorgehen musst, erfährst du in diesem Artikel auf therapie.de.

Private psychotherapeutische Praxen sind in der Regel weitaus weniger überlaufen als solche mit Kassenzulassung. Du solltest daher nicht lange auf einen Termin warten müssen.

 

Wichtig: Nicht aufgeben!

Egal, ob du für dich, dein Kind oder jemand anderen suchst: Es ist unfair kämpfen zu müssen, aber gib nicht auf. Psychische Probleme verschwinden selten von allein. Oft verschlimmern sie sich ohne Unterstützung über die Zeit oder werden wie oben beschrieben chronisch. Schlimmstenfalls können sie irgendwann zur völligen Hoffnungslosigkeit führen.

Für den Übergang gibt es zur Entlastung verschiedene andere Hilfs- und Beratungsangebote. Einige sind im Beitrag „Das Hilfesystem – Wer Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen hilft“ beschrieben.

Außerdem können Selbsthilfegruppen eine große Hilfe sein. Diese gibt es vielerorts mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten. Schon der Austausch mit und das Verständnis von anderen Betroffenen können den Leidensdruck etwas senken. Vor allem, wenn man sich mit der Problematik sehr alleine fühlt. Das kann daher auf dem Weg zur Psychotherapie oder auch ergänzend eine gute Entlastungsmöglichkeit sein.

 

Auf einen Blick: Wo es sonst noch Hilfe gibt

Im Notfall z. B. bei suizidalen Krisen oder bei selbst- beziehungsweise fremdgefährdendem Verhalten den Rettungsdienst telefonisch unter 112 kontaktieren.

Telefonische Hilfsangebote

  • Nummer gegen Kummer: 116 111 (kostenfrei, anonym, montags bis samstags von 14:00–20:00 Uhr)
  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (rund um die Uhr, kostenfrei)

Online-Beratung

Ärzt*innen- und Psychotherapeut*innensuche

Über den Patientenservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung findest du die Kontaktdaten aller niedergelassenen Ärzt*innen und Therapeut*innen in deiner Nähe.

 

Literaturverzeichnis

1 Sozialverband VdK Deutschland e. V. (2024): Das lange Warten auf eine Psychotherapie.
URL: https://www.vdk.de/aktuelles/aktuelle-meldungen/artikel/das-lange-warten-auf-eine-psychotherapie/
[Zuletzt abgerufen am: 17.08.2025].

2 NDR (2024): Fehlende Psycho-Therapieplätze: Lange Wartezeiten belasten Betroffene.
URL: https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Fehlende-Psycho-Therapieplaetze-Lange-Wartezeiten-belasten-Betroffene,psychotherapeuten104.html
[Zuletzt abgerufen am: 17.08.2025].

3 Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) (2022): Patientenanfragen weiterhin 40 Prozent über Vor-Corona-Zeit.
URL: https://www.dptv.de/aktuelles/meldung/patientenanfragen-weiterhin-40-prozent-ueber-vor-corona-zeit/
[Zuletzt abgerufen am: 17.08.2025].