Wenn Eltern eine psychische Erkrankung haben

28.05.2025 von Michaela Strobel

Mehr als 3,5 Millionen Kinder in Deutschland wachsen mit einem psychisch erkrankten Elternteil auf.1 Dies entspricht in etwa einem Viertel aller Kinder unter 18 Jahren. Besonders häufig sind dabei Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen.

Wenn du als Elternteil betroffen bist, stehst du vor besonderen Herausforderungen. In diesem Beitrag möchten wir dir Hilfestellungen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Eine psychische Erkrankung stellt eine große Belastung für die ganze Familie dar. Das geht bis hin zu Verwandten, die sich Sorgen machen und helfen wollen, aber tatsächlich oft hilflos sind.

Elternsein mit psychischer Erkrankung – eine Herausforderung

Als Elternteil mit einer psychischen Erkrankung kennst du vermutlich diese Situation: Du möchtest so gerne für deine Kinder da sein, aber manchmal fehlt dir einfach die Kraft dazu. Der Alltag mit Kindern hält viele Herausforderungen bereit. Diese potenzieren sich noch, wenn du vielleicht alleinerziehend bist, keine Partnerin oder keinen Partner und somit keine verlässliche Unterstützung hast. 

Typische Herausforderungen im Alltag: 

Leidest du als Elternteil an einer psychischen Erkrankung, so ist das für dich gleich eine doppelte Herausforderung. Zum einen bist du mit dir und deiner Erkrankung beschäftigt, zum anderen fällt die ganz normale Care-Arbeit an, die mit der Elternschaft verbunden ist. 
Insbesondere stehst Du vor folgenden Herausforderungen:2

  • Energiemangel für gemeinsame Aktivitäten mit den Kindern
  • schwankende emotionale Verfügbarkeit
  • Reizbarkeit und verringerte Geduld an schwierigen Tagen
  • Konzentrationsprobleme bei der Unterstützung von Hausaufgaben
  • Schwierigkeiten, konstante Tagesstrukturen aufrechtzuerhalten
  • mangelnde soziale Kontakte
  • Bedürfnis nach Rückzug 

Viele Menschen plagen in dieser Situation Schuldgefühle. Diese sind zwar verständlich, aber nicht hilfreich. Wichtig ist: Eine psychische Erkrankung macht dich nicht zu einem schlechten Elternteil. Entscheidend ist, wie du mit der Situation umgehst.

Wie du mit deinem Kind umgehen solltest

Mit Offenheit, passenden Erklärungen und klaren Botschaften kannst du deinem Kind helfen, die Situation besser einzuordnen.

Kommuniziere offen 

Eine der wichtigsten Fragen für Eltern ist oft: Wie erkläre ich meinen Kindern, was mit mir los ist? Grundsätzlich haben Kinder ein feines Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt. Durch altersgerechte Erklärungen können sie die Situation besser verstehen. Dass das nicht immer einfach für dich ist, ist verständlich. Mitunter braucht es sehr viel Mut. 

Altersgerechte Erklärungsansätze

Die Ansprache und Erklärungsmuster, die du für dein Kind wählst, sind in erster Linie abhängig von dessen Alter. 

  • 3-6 Jahre: Einen guten Zugang findest du über Bilderbücher. Sie beschreiben sehr anschaulich und einfühlsam bebildert die Situation. Schau doch mal in unserem Blogbeitrag: „Kinder- und Jugendbücher zum Themenbereich psychische Erkrankungen im Unterricht einsetzen“. Dort findest du zahlreiche Anregungen, die sich zwar an Lehrer*innen richten, sich aber gut auf die Familie übertragen lassen.
  • 7-12 Jahre: Einfache Erklärungen der Erkrankung mit ihrem Namen oder Vergleiche mit körperlichen Krankheiten. Auch hier können entsprechende Bücher wieder ein guter Mittler sein.
  • Ab 13 Jahren: Offene Gespräche über Diagnose, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Wichtige Botschaften, die du deinem Kind möglichst vermitteln solltest:

  • „Du bist nicht schuld an meiner Erkrankung."
  • „Ich werde behandelt und kümmere mich darum."
  • „Ich bin der Erwachsene. Du bist das Kind. Ich sorge für dich und nicht umgekehrt.“
  • „Es gibt Menschen, die mir und uns helfen."
  • „Deine Gefühle sind wichtig und du darfst darüber sprechen."
  • „Du trägst keine Verantwortung.“

Selbstfürsorge als wichtiger Baustein

Notwendig ist, dass du dich auch um dich selbst kümmerst. Das ist ein wichtiges Signal auch für dein Kind. Dass dies mitunter ein ziemlicher Spagat sein kann, versteht sich von selbst.
Konkret bedeutet das:

  • Therapietermine regelmäßig wahrnehmen
  • Medikamente wie verordnet einnehmen
  • ausreichend Schlaf und Erholung einplanen
  • Bewegung und frische Luft in den Alltag integrieren
  • stressreduzierende Techniken anwenden (Atemübungen, Meditation)
  • Hilfe holen und annehmen

Praktische Tipps für den Alltag:

Der Alltag stellt für dich und deine Familie eine große Herausforderung dar. Mit ein paar einfachen Maßnahmen, kann es dir gelingen, diesen besser zu meistern:

  • plane bewusst kleine Auszeiten ein
  • teile deinen Tag in überschaubare Abschnitte
  • setze Prioritäten – nicht alles muss perfekt sein
  • entwickle Routinen, die auch an schlechten Tagen funktionieren
  • führe ein Stimmungstagebuch, um Frühwarnzeichen, aber auch Fortschritte zu erkennen

Nimm Unterstützung an

Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil von Stärke.

Unterstützungsmöglichkeiten gibt es sowohl im privaten Umfeld als auch im professionellen Bereich:

Unterstützung im persönlichen Umfeld durch:

  • Familie und Verwandte
  • Freunde und Nachbarn
  • Eltern von Schulfreunden deiner Kinder

Was Partner und andere Familienmitglieder konkret tun können

Auch nahe Angehörige, Verwandte oder Freunde können dich unterstützen. Dabei sollten sie sensibel und umsichtig vorgehen: 

  • offen über die Situation sprechen, ohne den erkrankten Elternteil zu kritisieren
  • Verantwortung übernehmen, ohne Grenzen zu überschreiten
  • auf eigene Grenzen achten und bei Bedarf selbst Unterstützung holen
  • den Kindern emotionale Sicherheit geben
  • gemeinsam einen Notfallplan für Krisenzeiten entwickeln z. B. mit Übernachtungsmöglichkeiten, Telefonnummern oder auch „nur“ ein Angebot zum Mittagessen 


Professionelle Hilfsangebote

  • ambulante Psychotherapie (über Krankenkasse)
  • psychosoziale Beratungsstellen
  • Erziehungsberatungsstellen
  • spezielle Beratungsstellen für Familien mit psychisch erkrankten Eltern
  • Telefonseelsorge (24/7 erreichbar) oder Nummer gegen Kummer (Elterntelefon)
  • Online-Beratungsangebote (z. B. Deutsche Depressionshilfe, Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) e. V., u.v.a.)

Da dir vielleicht der Alltag mit allem, was es zu erledigen gibt, rasch über den Kopf wächst, ist es ratsam, auch hier Hilfe anzunehmen:

Beispiele für praktische Unterstützung im Alltag 

  • Haushaltshilfe (kann bei einigen Erkrankungen von der Krankenkasse übernommen werden)
  • Familienpflege bei Klinikaufenthalten
  • Tagesgruppen für Kinder

Selbsthilfe und Austausch

Es kann sehr unterstützend sein, wenn du mit anderen Betroffenen sprichst. Du siehst dann, dass du nicht allein bist mit deinen Problemen und kannst wertvolle Anregungen von anderen bekommen. 
Möglichkeiten gibt es einige: 

  • Selbsthilfegruppen für psychisch erkrankte Eltern
  • Angehörigengruppen für Partner
  • Elterntrainings wie "Starke Eltern – Starke Kinder"

Diese Listen können nach Region und individueller Situation variieren. Bei deinem Hausarzt, Therapeuten oder der örtliche Erziehungsberatungsstelle kannst du konkrete Unterstützungsmöglichkeiten erfragen.

Resilienz deiner Kinder fördern

Kinder psychisch erkrankter Eltern können mit etwas Unterstützung zu starken, einfühlsamen Persönlichkeiten heranwachsen. Mach dir also nicht zu viele Sorgen. Kinder sind oft widerstandsfähiger als man glaubt.

So stärkst du die Widerstandsfähigkeit deines Kindes:

  • Schaffe Verlässlichkeit durch klare Tagesstrukturen.
  • Ermögliche positive Beziehungen außerhalb der Familie.
  • Kommuniziere offen.
  • Fördere emotionale Kompetenz durch Gespräche über Gefühle.
  • Stärke das Selbstwertgefühl durch Lob und Anerkennung.
  • Etabliere schöne Familienrituale, die auch in schwierigen Zeiten Halt geben.

Es ist dabei wichtig, dass dein Kind eine Vertrauensperson hat, an die es sich wenden kann, wenn die Hauptbetreuungsperson nicht verfügbar ist – ein Familienmitglied, ein Nachbar oder eine Lehrerin. 

Fazit: Du bist nicht allein

Eine psychische Erkrankung eines Elternteils bringt enorme Herausforderungen für die ganze Familie mit sich, insbesondere auch für die Kinder. Wichtig ist, dass du als betroffener Elternteil weißt: Du musst nicht perfekt sein. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern Eltern, die sich bemühen und Hilfe holen, wenn sie nötig ist. Sei geduldig mit dir selbst und erinnere dich: Deine Krankheit definiert nicht deine Identität als Mutter oder Vater. Mit Unterstützung kann deine Familie die Herausforderungen meistern. Fokussiere dich auf deine Stärken, nimm Hilfe an und sprich offen mit deiner Familie. Das entlastet dich und schafft innerhalb der Familie Vertrauen.

 

Literaturverzeichnis

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) (2022): Fraktionsübergreifende Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern.
URL: https://www.dgppn.de/aktuelles/news/fraktionsuebergreifende-hilfe-fuer-kinder-psychisch-kranker-eltern.html
[zuletzt abgerufen am 17.03.2025].

Christiansen, Hanna (2020): Fact Sheet Psychisch erkrankte Eltern. Philipps-Universität Marburg.
URL: https://www.uni-marburg.de/de/fb04/team-christiansen/lehre/living-library/fact-sheets/fact-sheet-psychisch-erkrankte-eltern.pdf
[zuletzt abgerufen am 20.03.2025].