Wie Kinder und Jugendliche lernen können, mit Stress umzugehen
„Stress kann als ein Zustand von Sorge oder geistiger Anspannung definiert werden, der durch eine schwierige Situation verursacht wird. Stress ist eine natürliche menschliche Reaktion, die uns dazu anregt, Herausforderungen und Bedrohungen in unserem Leben anzugehen. Jeder Mensch erlebt in gewissem Maße Stress. Doch die Art und Weise, wie wir auf Stress reagieren, hat einen großen Einfluss auf unser allgemeines Wohlbefinden.“1
Bereits knapp 42 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland geben an, sich oft oder sehr oft gestresst zu fühlen – Tendenz mit zunehmendem Alter deutlich steigend.2 Aber was genau stresst Kinder und Jugendliche?
Stressfaktoren in Kindheit und Jugendalter
Stress hat in jeder Altersklasse vielfältige Ursachen und ist nicht immer grundsätzlich negativ. So kann uns der sogenannte akute Stress, der nur kurz auftritt, beispielsweise zu Höchstleistungen antreiben – etwa wenn wir eine wichtige Prüfung schreiben oder noch schnell den Bus erwischen müssen.3
Ist der Stress jedoch chronisch, also über einen längeren Zeitraum hinweg vorhanden, fällt es dem Körper zunehmend schwer, zur Ruhe zu kommen. Wenn uns der Stress in diesem Maße einschränkt, in ständige Alarmbereitschaft versetzt³ und negative Emotionen wie Angst oder anhaltende Nervosität hervorruft, kann er unserer Gesundheit schaden.2
Stressfaktoren sind zum Beispiel:4
- ein instabiles Umfeld (z. B. durch Umzüge, Trennung der Eltern)
- Einsamkeit, fehlende Freundschaften
- Leistungsdruck
- sozialer Druck, Mobbing, Ausgrenzung
- körperliche Leiden (z. B. Schmerzen, Krankheiten)
- schwierige Lebensereignisse (z. B. Todesfälle)
- Gewalt- und Missbrauchserfahrungen
- auch vermeintlich positive Veränderungen (z. B. Geburt eines Geschwisterkindes, Hochzeit eines Elternteils)
- negative Gedanken, Selbstzweifel und ein geringes Selbstwertgefühl
Diese Liste ließe sich noch beliebig fortführen. Potenzielle Stressfaktoren lauern überall – und gerade im Kindes- und Jugendalter spielt die Schule eine zentrale Rolle: Leistungsdruck, Mobbing usw. bergen auch hier erhebliches Stresspotenzial. Hinzu kommen Belastungen durch Phasen der Identitätsfindung und die Pubertät.4
Wie sich Stress auf die (mentale) Gesundheit auswirkt
Chronischer Stress kann sich sowohl psychisch als auch körperlich auswirken. Bei Kindern und Jugendlichen treten häufig Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme oder Müdigkeit auf.2
Stress als Ursache körperlicher Beschwerden und psychischer Erkrankungen wird oft unterschätzt. Dabei wird er u. a. mit folgenden Symptomen in Verbindung gebracht:3
- Übelkeit, Erbrechen, Reizdarmsyndrom
- Bluthochdruck, Herzinfarkte
- Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen
- erhöhter Augeninnendruck, Ohrgeräusche
- Übergewicht
- Suchterkrankungen
- Depressionen
- Angststörungen
Wenn Kinder und Jugendliche über Stress klagen oder wiederholt Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen zeigen, obwohl keine körperliche Ursache festgestellt werden kann, solltest du das unbedingt ernst nehmen. Bist du unsicher, woher die Beschwerden rühren, solltest du gezielt nachfragen.4
Kindern und Jugendlichen helfen, Stress zu bewältigen
Du kannst jungen Menschen auf verschiedenen Ebenen helfen – sowohl im familiären Umfeld als auch in der Schule. Doch zunächst müssen sie lernen, den eigenen Stress zu erkennen – das klingt einfach, ist aber häufig schwierig. Denn oft erleben Kinder und Jugendliche körperliche Reaktionen wie Herzklopfen, Bauchschmerzen oder Zittern, ohne den Zusammenhang zu verstehen.
Hier beginnt ein wichtiger Gesprächsprozess: Du kannst erklären, dass nicht jedes körperliche Symptom auch eine körperliche Ursache hat. Durch gezieltes Nachfragen lässt sich klären, welche (möglichen) Stressreaktionen auftreten. Danach könnt ihr gemeinsam nach Ursachen suchen: Wann und wo treten die Beschwerden auf? Was ist unmittelbar davor geschehen?
So lernen junge Menschen, in welchen Situationen sie besonders angespannt sind – und können langfristig eigene Stresssignale besser deuten.5 Diese Fähigkeit ist entscheidend: Nur wer Stress als solchen erkennt, kann gezielt etwas dagegen unternehmen.
So können Erwachsene junge Menschen bei Stress unterstützen:4
- in Kontakt bleiben und über Stressauslöser sprechen
- einen gesunden Umgang mit Stress vorleben
- Entspannungstechniken zeigen (z. B. Achtsamkeits- oder Atemübungen, Yoga, Meditation)
- Raum für Pause schaffen
- Kinder und Jugendliche dazu ermutigen ihren Alltag zu strukturieren
- auf ausreichend Schlaf achten
- gesunde Ernährung fördern
- körperliche Bewegung unterstützen
- Medienkonsum im Blick behalten und medienfreie Zeiten etablieren
- Problemlösefähigkeiten fördern (durch gemeinsames Abwägen, Ermutigung zur Lösungsfindung)
- Hilfe anbieten
- Zugang zu Beratungsstellen aufzeigen (z. B. „Nummer gegen Kummer“ unter 116 111)⁴
In akuten Stresssituationen können diese Maßnahmen helfen, Symptome zu lindern – etwa durch Beruhigung, Lösungsfindung oder das aktive Einholen von Hilfe. So lässt sich verhindern, dass sich akuter Stress chronifiziert.
Als Elternteil kannst du dein Kind auch bei schulischem Stress begleiten. Wichtig ist, dass sich das Gespräch zu Hause nicht nur um Leistung dreht. Frag lieber auch danach, was Spaß macht, wo Druck empfunden wird und wie du unterstützen kannst. Eine hilfreiche Botschaft könnte lauten: „Mir ist wichtig, dass es dir gut geht und du dein Bestes gibst – nicht, dass alles perfekt ist.“
Auch die Stressprävention in der Schule ist entscheidend.
So kann Stress in der Schule reduziert werden:5
Zum Beispiel indem Lehrkräfte und Schulpersonal…
- frühzeitig Anzeichen erkennen, hinschauen, nachfragen
- Strategien zur Problemlösung im Unterricht thematisieren (z. B. in Deutsch, Fremdsprachen, Biologie)
- Selbstwirksamkeit und Selbstwert stärken (z. B. durch Sichtbarmachen von Fortschritten und Übertragung von Verantwortung)
- Prüfungsangst vorbeugen (z. B. durch transparente Planung und Vermeidung unnötigen Leistungsdrucks)
- eine positive Fehlerkultur etablieren
- eine strukturierte Lernumgebung schaffen
- Ruhe- und Bewegungspausen ermöglichen
- den Klassenzusammenhalt stärken
- Mobbing vorbeugen und konsequent unterbinden
- soziale Beziehungen fördern
- Entspannungstechniken in den Schulalltag integrieren
Das Leben bringt zwar viele potenzielle Stressquellen mit sich – aber auch zahlreiche Möglichkeiten, präventiv oder akut gegenzusteuern.
Fazit: Stress ernst nehmen!
Wenn Familie und Schule gemeinsam auf Warnsignale achten und Kinder sowie Jugendliche aktiv bei der Bewältigung von negativem Stress unterstützen und in Akutsituationen zur Seite stehen, kann das ihre Gesundheit langfristig fördern. Deshalb gilt: Hinsehen. Nachfragen. Ernst nehmen.
Du machst den Unterschied.
Literaturverzeichnis
1 World Health Organization (2023): Stress.
URL: https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/stress
[Zuletzt abgerufen am: 16.04.2025], aus dem Englischen übersetzt.
2 Robert Koch Institut (2020): Themenblatt: Stressbelastung bei Kindern und Jugendlichen.
URL: https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-Surveillance/Studien/Adipositas-Monitoring/Psychosoziales/HTML_Themenblatt_Stressbelastung.html
[Zuletzt abgerufen am: 16.04.2025].
3 Stiftung Gesundheitswissen (2023): Stress und seine Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit. Europäische Mental Health Week.
URL: https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/presse/stress-und-seine-folgen-fuer-die-koerperliche-und-seelische-gesundheit
[Zuletzt abgerufen am: 16.04.2025].
4 Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen: Familienportal. NRW (2024): Stress. Stress und Leistungsdruck im Jugendalter.
URL: https://www.familienportal.nrw/de/10-bis-16-jahre/gesundheit-kind/stress
[Zuletzt abgerufen am: 16.04.2025].
5 Lohaus, Arnold; Domsch, Holger; Fridrici, Mirko (2007): Stressbewältigung für Kinder und Jugendliche. Heidelberg: Springer Medizin Verlag, S. 51.