Tipps zur Auswahl eines guten Präventionsprogramms
Auf nachvollziehbare Qualitätskriterien achten
Die Auswahl eines geeigneten Präventionsprogramms im Bereich psychischer Gesundheit ist nicht einfach. Insbesondere für Menschen ohne psychologisches Fachwissen. Viele Angebote werben mit guten Absichten, doch nicht alle halten, was sie versprechen. Umso wichtiger ist es, auf nachvollziehbare Qualitätskriterien zu achten.
Wissenschaftliche Evidenz ist wichtig, ebenso praktische Anwendbarkeit
Unsere Checkliste hilft dabei, Stärken und Schwächen eines Angebots zur psychischen Gesundheitsförderung besser einzuordnen. Sie unterstützt euch bei der Entscheidung, ob ein Programm in eurem schulischen oder pädagogischen Alltag sinnvoll einsetzbar ist. Und stärkt zugleich eure Fähigkeit, scheinbar überzeugende Angebote kritisch zu hinterfragen. So wird evidenzbasierte Prävention im Alltag greifbar für alle, die Verantwortung tragen.
Wir richten uns an Praktikerinnen in Schule, Jugendhilfe und Prävention, die ein Programm oder Angebot einschätzen oder mit anderen vergleichen möchten: sei es für den eigenen Unterricht, eine Schulentscheidung oder eine Förderanfrage. Unsere Kriterien basieren auf wissenschaftlichen Standards, wie sie z. B. im Good Clinical Practice-Modell (GCP) verankert sind, und wurden mit Praktiker*innen so formuliert, dass sie alltagsnah und verständlich sind.
Checkliste Qualität Präventionsangebote (Schule)
| Kriterium | Woran erkenne ich das? | ✓ Positiv ist | ✗ Nachfragen erforderlich |
|---|---|---|---|
| Wissenschaftlich überprüfte Wirksamkeit | Wurde eine randomisiert-kontrollierte Studie (RCT) zur Wirksamkeitsprüfung durchgeführt? | ✓ Randomisiert-kontrollierte Studie (RCT) liegt veröffentlicht vor ✓ Langzeituntersuchung (z. B. 6, 12 Monate nach Intervention) |
✗ Nur direkte Nachbefragung unmittelbar nach Angebot ✗ Nur passive Kontrollgruppe (z. B. „Warteliste“) |
| Wurde der primäre Zielparameter klar benannt (z. B. Depressionssymptome/ selbstverletzendes Verhalten) und mit einem wissenschaftlich anerkannten Fragebogen gemessen? | ✓ Relevanter primärer Zielparameter (z. B. selbstverletzendes Verhalten) ist klar benannt ✓ Primärer Zielparameter passt zum Ziel des Programms ✓ Messung erfolgt mit validierten und altersgerechten Messinstrumenten (z. B. DSHI, KidScreen-10, PHQ-2, SCARED, SDQ) |
✗ Primäre Zielparameter wird nachträglich verändert ✗ Nur Wissenserhebung (z. B. Kenntnis über Symptome) ✗ Keine Erhebung möglicher Nebenwirkungen (z. B. Suizidalität) |
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| Wurde das Programm in der für mich relevanten Schulform und Altersgruppe untersucht? | ✓ Zielgruppe entspricht meinem Kontext (z. B. 7. Klasse an einer Realschule oder Gesamtschule) ✓ unterschiedliche Schulformen sind einbezogen (z. B. Gymnasium, Hauptschule, Förderschule) |
✗ Nur eine Altersgruppe ✗ Nur ein Bundesland (oder Stadt) ✗ Nur eine Schulform |
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| Kosten-Nutzen-Verhältnis | Sind Aufwand, Kosten und Nutzen in einem nachvollziehbaren Verhältnis? | ✓ Kosten-Nutzen-Analyse (z.B. jeder dritte Teilnehmende wurde geschützt, dadurch wurden im Schnitt … Euro an Behandlungskosten eingespart) ✓ Einsparpotenziale nachvollziehbar (z.B. Kosten Durchführung- vs. Behandlung) |
✗ Hohe Programmkosten, ohne nachgewiesene Wirkung ✗ Hohe Anzahl zu behandelnder Personen (NNT²): es profitieren zu wenige von dem Angebot |
| Praktische Nutzbarkeit des Programms | Ist das Programm für die Zielgruppe im Alltag umsetzbar? | ✓ geringe zeitliche und räumliche Voraussetzungen für die Durchführung | ✗ zu hohe finanzielle Kosten, ✗ zu hoher Zeitaufwand |
| Gibt es konkrete Anleitungen (Manual) oder Materialien? | ✓ Verwendung alltagsnaher Inhalte und Materialien ✓ Übungen (v.a. Rollenspiele) und Interaktion mit Teilnehmenden ✓ Leicht verständliches Manual/Begleitheft/Handout |
✗ Reine Wissensvermittlung und wenig Praxisbezug ✗ Kein Manual/Begleitheft/Handout vorhanden |
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| Braucht es Spezialwissen für die Umsetzbarkeit? | ✓ Jede*r in der Zielgruppe versteht die Inhalte (sprachlich und inhaltlich) ✓ Materialien und Anleitungen machen die Anwendung auch ohne Fachwissen möglich |
✗ Vorkenntnisse für die Teilnahme notwendig ✗ Fachbegriffe werden nicht erklärt |
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| Sicherer Umgang mit sensiblen Themen | Gibt es Hinweise zum Umgang mit Krisen oder schwierigen Situationen während der Durchführung? | ✓ Umgang mit sensiblen Themen wird in Gesprächstrainings z.B. Suizidalität oder Trauma aktiv thematisiert ✓ Krisenplan vorhanden ✓ Unterstützendes Netzwerk für akute Krisen gegeben ✓ Ansprechpartner*in vorhanden und vorgestellt |
✗ Kein Krisenplan ✗ Kein Training (z.B. Rollenspiele) für schwierige Situationen ✗ Keine Hinweise, wo/wie zusätzliche Unterstützung erfolgen kann ✗ Ansprechpartner*in angegeben, aber nicht erreichbar |
| Ist klar definiert, wer zuständig ist, wenn Krisensituationen eintreten? | ✓ Es gibt im Krisenplan klar geregelte Verantwortlichkeiten ✓ Diese Verantwortlichkeiten sind der Leitung bekannt ✓ Es gibt eine Stellvertretung bei Krankheit/Urlaub |
✗ Verantwortlichkeiten sind gegeben, aber nicht an alle kommuniziert ✗ Keine Stellvertretung benannt bzw. verfügbar |
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| Partizipative Programm-Entwicklung | Wurde die Zielgruppe (z.B. Lehrkräfte oder Schüler*innen) an der Entwicklung beteiligt? | ✓ Befragung(en) Zielgruppe zu Entwicklungsbeginn ✓ Zielgruppe konnte bei der Entwicklung des Angebotes Einfluss nehmen ✓ Beteiligung dokumentiert |
✗ Nur durch Wissenschaftler*innen entwickelt ✗ Keine Rücksprache mit Zielgruppe |
| Wurden die Rückmeldungen der Zielgruppe berücksichtigt? | ✓ Einfluss der Zielgruppe kann nachgewiesen werden ✓ Qualitative und quantitativer Nachweis ist gegeben |
✗ Nicht sichtbar was partizipativ von der Zielgruppe in das Programm eingeflossen ist | |
| Wissenschaftliche Fundierung | Basiert das Programm auf einem nachvollziehbaren wissenschaftlichen Modell (z.B. Tankmodell, Vulnerabilitäts-Stress-Modell)? | ✓ Wissenschaftliches Erklärungsmodell vorhanden ✓ Falls kein Modell, dann konkrete empirische Daten, die für die Wirksamkeit der Maßnahmen sprechen |
✗ Keine theoretische Herleitung des Programms möglich ✗ Sehr vereinfachtes Bild von psychischer Gesundheit (z.B. „Negative Gedanken machen krank. Andere Gedanken, dann wird alles gut.“) |
| Flächendeckende Verbreitung (Dissemination) | Ist das Programm so gestaltet, dass es auch an anderen Schulen, Orten gut einsetzbar ist? | ✓ Gibt es dokumentierte Hinweise zur Anwendung ✓ Die Durchführung ist auch von Externen möglich ✓ Wurde explizit auf Übertragbarkeit geachtet (z. B. durch digitale Formate, Einsatz an verschiedenen Schulformen) |
✗ Angebot ist auf eine Region/Schule/Zielgruppe zugeschnitten ✗ Keine Hinweise zur Anwendung des Angebotes außerhalb des Pilotprojekts ✗ Durchführung erfordert spezielles Wissen oder Ressourcen, die nicht überall verfügbar sind |
1 DSHI: Deliberate Self-Harm Inventory; erfasst das Ausmaß nicht-suizidalen selbstverletzenden Verhaltens (z. B. Häufigkeit und Art der Selbstverletzung). KidScreen-10: Index zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen über ein globales Maß des subjektiven Wohlbefindens.
PHQ-2: Patient Health Questionnaire-2; ein Kurzscreening für depressive Symptome bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, das zwei zentrale Kriterien für Depression (Niedergeschlagenheit und Interessenverlust) abfragt.
SCARED: Screen for Child Anxiety Related Emotional Disorders; dient der Erfassung verschiedener Angststörungen im Kindes- und Jugendalter (u. a. Trennungsangst, soziale Phobie, generalisierte Angst).
SDQ: Strengths and Difficulties Questionnaire; misst psychische Auffälligkeiten und psychosoziale Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen, einschließlich emotionaler Probleme, Verhaltensauffälligkeiten, Hyperaktivität, sozialen Schwierigkeiten und prosozialem Verhalten.
2 Number Needed to Treat (NNT): wie viele Personen mit einer bestimmten Maßnahme behandelt werden müssen, damit eine Person im Vergleich zur Kontrollgruppe einen konkreten Nutzen erfährt (z. B. eine Erkrankung verhindert wird), (z.B. nur bei einer Person wird eine Krankheit verhindert, wenn 1.000 Personen teilnehmen.
3 Tankmodell: Psychisches Wohlbefinden wird als „innerer Tank“ beschrieben, der mit positiven Erfahrungen gefüllt werden muss. Wird der Tank leer, greifen manche Menschen zu problematischen Strategien, z. B. Suchtverhalten. Prävention zielt darauf, gesunde “Füllstrategien” zu fördern (aus Suchtprävention). Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Psychische Erkrankungen entstehen durch ein Zusammenspiel von innerer Verletzlichkeit (Vulnerabilität) und äußeren Belastungen (Stress). Prävention kann an beiden Seiten ansetzen, z. B. durch Stärkung der Resilienz oder Abbau von Stressoren.